Auf dem Grunde des Stigmas – Das Problem mit der Sexarbeit (Teil 1 von 4)

„Wenn wir als Sexarbeiter_innen ‘Schutz’ brauchen, dann vor allem den vor gesellschaftlicher Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung.“ heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes zum neuen Prostituiertenschutzgesetz. Ich möchte verstehen, wie dieses Stigma zustande kommt. In Teil 1 geht es um sexuelle Selbstbestimmung (beziehungsweise deren Abwesenheit).

Käuflicher Sex ist eine Dienstleistung, die in allen gesellschaftlichen Gruppen und Einkommensklassen nachgefragt wird, mehrheitlich von Männern. In den meisten Ländern ist sie dennoch (oder deswegen?) teilweise oder komplett illegal.
Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder, wo Sexarbeit seit Langem legal ist. Seit 2002 gilt sie ebenfalls nicht mehr als „sittenwidrig“. Mit der Diskussion um das neue Prostituiertenschutzgesetz, das vorgeblich die Situation der Sexarbeiterinnen* verbessern soll, drang das Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit.
Diese Debatten finde ich häufig frauenfeindlich und entmündigend, schlimmer noch: Meistens wird über oder für die Sexarbeiterinnen gesprochen, selten mit ihnen. Dem BesD (Bundesverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.) zufolge ist das Gesetz nicht nur kontraproduktiv, sondern auch unverhältnismäßig und damit rechtswidrig. „Wenn wir als Sexarbeiter_innen ‘Schutz’ brauchen, dann vor allem den vor gesellschaftlicher Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung.“ heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes zum neuen Prostituiertenschutzgesetz.
Prof. Dr. Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie/Rechtstheorie an der Universtität Halle, stellt in seinem Gutachten zum Prostitutionsgesetz von 2002 fest: „Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, dass man frei über das ‘Ob’, das ‘Wann’ und das ‘Wie’ einer sexuellen Begegnung entscheiden kann. Bei der selbstbestimmten Ausübung der Prostitution liegen diese Merkmale vor.“
Ich frage mich, wieso in unserer aufgeklärten und vermeintlich freien Gesellschaft eine bestimmte Form der Auslebung von Sexualität tabuisiert, abgewertet und sogar kriminalisiert wird**, obwohl sie vom Gesetz her weder illegal noch „sittenwidrig“ ist. Auch frage ich mich, wieso es notwendig ist, für einen vollkommen legalen Wirtschaftszweig besondere Gesetze und Regelungen zu erlassen. Die Freiheit, der Prostitution nachzugehen, ist offenbar nicht so fundamental, als dass sie nicht um eines höherwertigen Interesses willen eingeschränkt werden könne.
Ich versuche hier, den Stand meiner Erkenntnisse zusammenzufassen und zu kommentieren. Was wiederum immer noch mehr Fragen aufwirft. Für Ergänzungen, Antworten oder Hinweise bin ich daher sehr dankbar.

Der kanadische Soziologe Erving Goffman definierte Stigma als eine tief diskreditierende Eigenschaft, die das Individuum von einer vollständigen, gewöhnlichen Person zu einer verdorbenen und abgewerteten reduziert. Menschen tendieren dazu, andere für bestimmte Eigenschaften oder Tätigkeiten zu verurteilen, die als sozial oder kulturell anrüchig angesehen werden. Stigma steht oft in Verbindung mit sozialen Ängsten und dem Bedürfnis, soziale Kontrolle und Ordnung aufrechtzuerhalten.
Sexarbeiterinnen erleben tagtäglich, wie diese Diskriminierung ihnen Zugang zu wichtigen sozialen Ressourcen wie Geld, Macht, Prestige und sozialen Institutionen (Krankenversicherung und Krankenversorgung, Arbeitsplätze, Bildung) negativ beeinflusst, was es wiederum schwierig macht, dem Stigma entgegenzuwirken. Desweiteren führt es dazu, dass die betroffenen Personen weniger Schutz und Hilfe suchen und sich stattdessen auf kriminelle Strukturen verlassen müssen. Oft wenden sie sich Drogen zu, um mit Gefühlen der Scham und Schande umzugehen, die ihnen entgegenschlägt.

1. Deviante Sexualitäten
Sexualität ist in der christlich-abendländischen Kultur traditionell überreguliert.
Es mag sich oft so anfühlen, als seien wir in einem Zeitalter relativer sexueller Freiheit und Freizügigkeit angekommen, doch wenn man genau hinschaut, sind Glaubenssätze über angemessene und unangemessene Ausdrucksformen von Sexualität durchaus noch von Bedeutung. (Um nur ein Beispiel zu nennen: Nicht ohne Grund ist ein „coming out“ als Homosexuelle*r oder Transsexuell*r nach wie vor hochgradig risikobehaftet.)
Zwar sind wohl nur noch wenige davon überzeugt, Sex sollte ausschließlich in der Ehe und zu Fortpflanzungszwecken stattfinden, doch werden sexuelle Begegnungen, die innerhalb einer Partnerschaft stattfinden und/oder mit romantischen Gefühlen verknüpft sind, von vielen höher bewertet als solche „unverbindlicher“ Art. Wenngleich weibliche Körper an jeder Ecke wenig bekleidet und in williger Pose dargestellt und direkt oder indirekt zum Kauf angeboten werden (Werbung, Pornos etc.), gilt weibliche Promiskuität selbst unter der jungen Bevölkerung nach wie vor als verachtenswert. Die „Ehre“ scheint bei Frauen nach wie vor im Körper verortet zu sein, deshalb ist es natürlich das Schlimmste, wenn sich eine Frau prostituiert.

Es scheint fundamental wichtig zu sein, dass die Sexualität den ihr zugewiesenen Platz in der Gesellschaft einhält, sonst wird sie bedrohlich. Michel Foucault beschrieb in den 70er Jahren, wie der Wissensgegenstand Sexualität im 18. und 19. Jahrhundert als eigene Kategorie festgelegt wurde. Sie wurde als obskure dunkle Kraft betrachtet, die alle Bereiche des menschlichen Lebens durchzieht und droht, den Menschen auf Abwege zu führen. Bis heute wird Sexualität mystifiziert und ihr enorme Macht zugesprochen. Deshalb werden Menschen dazu gezwungen, ihr Begehren zu kontrollieren, um die gesellschaftliche Ordnung nicht zu gefährden. Gesellschaft ist eine Manifestation von Macht. Abweichungen von den Regeln werden fast immer sanktioniert, denn Regeln und Gesetze haben nur solange Macht, wie Menschen sich an sie halten. Wenn Menschen aufhören, sich an die Regeln zu halten, könnten diese sich verändern oder sogar ganz wegfallen. Dies könnte die Veränderung oder den Wegfall weiterer Regeln nach sich ziehen, was in letzter Konsequenz eine ernstzunehmende Bedrohung für diejenigen wäre, die vom derzeitigen gesellschaftlichen Machtgefüge profitieren. Haben wir es hier also mit einer Angst vor der sexuellen Enthemmtheit unserer Gesellschaft zu tun? Was wären die befürchteten Folgen dieser Enthemmtheit?

* Weil der Diskurs so arg mit sexistischen Sichtweisen und Argumenten gespickt ist, habe ich mich hier dafür entschieden, nur über weibliche Sexarbeiterinnen zu sprechen. Eine geschlechterneutrale Betrachtung wäre ein völlig anderer Text mit anderer Argumentationsstruktur. Das gleiche gilt für Analysen von Sexarbeit unter Männern und anderen Geschlechtern.

** Es lassen sich hier unzählige Beispiele finden: Homosexualität, Bisexualität, Queer, Mehrfachbeziehungen, Fetisch und BDSM, Tantra …

Quellen
Michel Foucault – Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit
James Carse – Finite and Infinite Games
Prof. Dr. Joachim Renzikowski – Reglementierung von Prostitution : Ziele und Probleme – eine kritische Betrachtung des Prostitutionsgesetzes

Zu Teil 2

5 Gedanken zu „Auf dem Grunde des Stigmas – Das Problem mit der Sexarbeit (Teil 1 von 4)“

  1. Ohje….

    “Prof. Dr. Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie/Rechtstheorie an der Universtität Halle, stellt in seinem Gutachten zum Prostitutionsgesetz von 2002 fest: „Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, dass man frei über das ‘Ob’, das ‘Wann’ und das ‘Wie’ einer sexuellen Begegnung entscheiden kann. Bei der selbstbestimmten Ausübung der Prostitution liegen diese Merkmale vor.“ ”

    Ich studiere selbst Jura, nach 6 Jahren in der Prostitution, und ein Jurist ist nicht der richtige Ansprechpartner dafür, wenn es darum geht zu beurteilen, ob allein das “Ob” in der Prostitution selbstbestimmt ist. Dafür ist die Psychotraumatologie zuständig. Der Jurist muss sich eigentlich an diesen Ergebnissen orientieren. Es gibt keine selbstbestimmte Prostitution. Ich verweise dich auf die Seite http://www.trauma-and-prostitution.eu/ und auf meine Blogeintrag “Deutsche Übersetzung des Trauma-Vortrages.”

  2. Danke für diese Reihe, die so viele Themen rund um Stigma und Sexarbeit anreißt und sich traut, so inkomplett zu sein, mit all den Fragen und Vielleichts. Denn auf viele von diesen Fragen gibt es wohl keine definitive Antwort, aber die Diskussion auf der Suche nach einer eigenen Haltung und gemeinsamen Linien ist so wertvoll. Ich erwähne nicht jeden Punkt, in dem ich zustimme, weil es so viele sind, aber aus Liebe zur Debatte die kritischen Gedanken, die mir beim Lesen kamen:

    > In den meisten Ländern ist sie dennoch (oder deswegen?) teilweise
    > oder komplett illegal.

    Ich wäre interessiert an dem Gedankengang hinter dem “oder deswegen?”. Denn es scheint mir zumindest auf den ersten Blick nicht plausibel. Wieso soll es illegal sein, gerade *weil* es in verschiedenen
    Gesellschaftsschichten nachgefragt wird? Die meisten Dinge, die in allen Gesellschaftsschichten nachgefragt sind, sind nicht illegal. Oder zielst Du auf die Männer?

    Da würde ich die Kausalität eher andersherum sehen: nicht weil es vorwiegend von Männern nachgefragt wird, ist es illegal (die meisten Dinge, die von Männern nachgefragt werden, sind nicht illegal), sondern (unter anderem) weil Sexarbeit illegal oder moralisch geächtet ist, können sich vorwiegend Männer erlauben, sie in Anspruch zu nehmen. Mit moralischen wie gesetzlichen Übertretungen kommen wohl üblicherweise die besser durch, die in der gesellschaftlichen Machtposition sind.

    > Ich frage mich, wieso in unserer aufgeklärten und vermeintlich freien
    > Gesellschaft eine bestimmte Form der Auslebung von Sexualität
    > tabuisiert, abgewertet und sogar kriminalisiert wird**, obwohl sie
    > vom Gesetz her weder illegal noch „sittenwidrig“ ist.

    Kriminalisierung bedeutet nach meinem Verständnis genau, dass etwas vom Gesetz her eben nicht legal ist. Insofern wirkt der Satz widersprüchlich. Ich glaube, von Kriminalisierung kann man vor allem da sprechen, wo Sexarbeit eben nicht erlaubt ist: Sexarbeit wird in vielen Gegenden durch die Sperrbezirksverordnungen kriminalisiert, und durch die Registrierungspflicht wird die Ausübung von Sexarbeit ohne Anmeldung kriminalisiert. Oder meinst Du “kriminalisiert” im Sinne von “hat ein Image, das mit Kriminalität verbunden ist”?

    > Oft wenden sie sich Drogen zu, um mit Gefühlen der Scham und
    > Schande umzugehen, die ihnen entgegenschlägt.

    Ist das so? Ich finde solche weitgreifenden Statements, dass Sexarbeiterinnen im Allgemeinen sich oft Drogen zuwenden, oft problematisch… wenn sie belegbar sind, klar. Was so ist, kann man auch benennen. Aber ist es so? Weiß man das? Woher weiß man das? Wer wurde in den Erhebungen befragt oder betrachtet, die solche Aussagen liefern?

    Ich finde sehr viele Statements über “viele” oder “die meisten” Sexarbeiterinnen schwierig… nicht nur die negativen, auch die positiven. Auch wenn ich keine gute Alternative dazu habe. Wenn Sexarbeiterinnen immer aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz argumentieren, werden sie auch permanent als irrelevanter Einzelfall in die Ecke gestellt. Es muss möglich sein zu sagen “ich kenne viele” oder “mein Eindruck ist, so ist es bei den meisten”. Es muss möglich sein, den Prostitutionsgegnern, die sich ständig herausnehmen, Aussagen über “alle” und “die meisten” Sexarbeiterinnen zu treffen, etwas entgegenzusetzen, was mehr ist als “bei mir ist es anders, und ich kenne auch noch fünfzig, die mir recht ähnlich sind, und bei denen es auch anders ist”. Und gleichzeitig denke ich, dass es wichtig ist, als Sexarbeiterinnen nicht mit zu viel Sicherheit über die Realität von anderen Sexarbeiterinnen zu reden… um nicht die vor- und zugschriebene negative Realität der Prostitutionsgegner durch neue, ebenso zugeschriebene Realitäten zu ersetzen.

    1. Liebe Lena,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar und die vielen hilfreichen Hinweise.

      “Ich wäre interessiert an dem Gedankengang hinter dem „oder deswegen?“. Denn es scheint mir zumindest auf den ersten Blick nicht plausibel. Wieso soll es illegal sein, gerade *weil* es in verschiedenen
      Gesellschaftsschichten nachgefragt wird? Die meisten Dinge, die in allen Gesellschaftsschichten nachgefragt sind, sind nicht illegal. Oder zielst Du auf die Männer?”
      — Auf das “deswegen” kam ich, weil die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen (geschlechterunabhängig) üblicherweile als verwerflich, zuweilen als Bedrohung für Ehe/Familie angesehen wird. Deinem Hinweis bzgl der Machtposition der Männer stimme ich zu.

      “Kriminalisierung bedeutet nach meinem Verständnis genau, dass etwas vom Gesetz her eben nicht legal ist. Insofern wirkt der Satz widersprüchlich. Ich glaube, von Kriminalisierung kann man vor allem da sprechen, wo Sexarbeit eben nicht erlaubt ist: Sexarbeit wird in vielen Gegenden durch die Sperrbezirksverordnungen kriminalisiert, und durch die Registrierungspflicht wird die Ausübung von Sexarbeit ohne Anmeldung kriminalisiert. Oder meinst Du „kriminalisiert“ im Sinne von „hat ein Image, das mit Kriminalität verbunden ist“?”
      — Ja. Ich habe mich missverständlich ausgedrückt/das falsche Wort gewählt.

      “Ist das so? Ich finde solche weitgreifenden Statements, dass Sexarbeiterinnen im Allgemeinen sich oft Drogen zuwenden, oft problematisch… wenn sie belegbar sind, klar. Was so ist, kann man auch benennen. Aber ist es so? Weiß man das? Woher weiß man das? Wer wurde in den Erhebungen befragt oder betrachtet, die solche Aussagen liefern?”
      — Ich habe in der Tat keine verlässlichen Quellen recherchiert. Anscheinend bin ich hier selbst einem Klischee aufgesessen.

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