Auf dem Grunde des Stigmas – Das Problem mit der Sexarbeit (Teil 2 von 4)

„Wenn wir als Sexarbeiter_innen ‘Schutz’ brauchen, dann vor allem den vor gesellschaftlicher Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung.“ heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes zum neuen Prostituiertenschutzgesetz. Ich möchte verstehen, wie dieses Stigma zustande kommt. In Teil 2 geht es um Sündenböcke, Würde, Macht und Geld.

Zu Teil 1

2. Mehrfachstigma
Sexarbeit war immer schon eine Überlebensstrategie für unbeliebte, randständige und stigmatisierte Gruppen, die oftmals zum Sündenbock für soziale Probleme gemacht wurden: Frauen, Minderheiten, Immigranten, Farbige, Drogenabhängige, Behinderte, Menschen mit Geschlechtskrankheiten, Alleinerziehende, Menschen die sich sexuell auch oder nur für das gleiche Geschlecht interessieren oder sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können mit dem sie biologisch ausgestattet sind.

Beispielsweise wurden und werden Sexarbeiterinnen und die Sexindustrie gerne für den Zusammenbruch der traditionellen Familie, die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten (allen voran HIV/AIDS) und die steigende Kriminalität in Städten (insbesondere im Zusammenhang mit Drogen) und die „Zersetzung der Jugend“ verantwortlich gemacht.
Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass es für diese Gruppen keine besseren Alternativen gab und gibt? Wie genau soll angeblich die Sexarbeit die traditionelle Familie bedrohen? Ist das Zusammenwirken anderer Ursachen am Wandel dieser Institution und damit zusammenhängender Werte nicht viel wahrscheinlicher? Wieso ist der Erhalt des traditionellen Familienmodells wichtig? Was sind die wahren Ursachen für Drogenkonsum und Kriminalität? Wieso ist die Jugend anfällig für den angeblich schädigenden Einfluss und wo und wie ist sie ihm überhaupt ausgesetzt?

3. Menschenwürde in Zeiten des Kapitalismus
In vielen Gesellschaften, so auch der unseren, gibt es Tabus gegen die Vermischung von Sex und Geld. Weil Sexarbeiterinnen sexuelle Handlungen gegen Geld ausführen, werden sie als abartig und damit unmoralisch, unrein und gefährlich angesehen. Die Gründe dafür kann ich mir nur so erklären: Sexualität außerhalb anerkannter Rahmenbedingungen (Ehe beziehungsweise Partnerschaft) ist an und für sich moralisch zweifelhaft, umso mehr, wenn daraus auch noch ein materieller Vorteil gezogen wird.

Die Mehrheit der Sexarbeiterinnen waren immer schon Frauen, und sie kratzen damit an zwei weiteren Tabus:
1. Es ist traditionell den Männern vorbehalten, Sex zu „machen“, ohne dass es ihre Essenz berührt, ihn von sich abzuspalten.
2. Es erfolgt eine Umkehrung des Machtverhältnisses in der “normalen” Welt. Beide Beteiligten wissen um das Theaterspiel und inszenieren es mit: Die Frau hat alle Fäden in der Hand.

Prostitutionsgegner argumentieren, die Sexualität gehöre zum unantastbaren Kernbereich der Persönlichkeit und könne daher nicht zum Gegenstand eines Tauschgeschäfts gemacht, das heißt als Ware behandelt werden. Geschieht dies doch, handle es sich um einen Verstoß gegen die Würde des Menschen. Hier wird die Menschenwürde objektiv definiert, also unabhängig von den Vorstellungen ihres Trägers. Oft wird auch nach einem subjektiven Konzept der Menschenwürde, das auf die Autonomie des Einzelnen abstellt, die Sexarbeit als Verletzung der Menschenwürde gedeutet.

Hierzu muss bewiesen werden, dass die Voraussetzungen einer rechtswirksamen Zustimmung nicht vorliegen. Es wird behauptet, dass Frauen sich niemals freiwillig für die Sexarbeit entschieden, sondern aus Mangel an Alternativen, finanziellem Druck oder vorangegangenen sexuellen Missbrauchserfahrungen. Die Überzeugung, sie hätten sich selbst für ihren Beruf entschieden, sei reine Selbsttäuschung und handle sich um eine Illusion, um ein Mindestmaß an Selbstachtung aufrechterhalten zu können. Häufig wird auch behauptet, dass Sexarbeit zu psychischen Schäden und Problemen führe. Leider gibt es keine repräsentativen Zahlen hierzu. Wenn man davon ausgeht, dass viele Sexarbeiterinnen dieser Tätigkeit aufgrund von prekären Lebenssituationen nachgehen, ist anzunehmen, dass sich die Sexarbeit als Auslöser für psychische Probleme kaum isoliert untersuchen lässt. Vonseiten der Sexarbeiterinnen ist immer wieder zu hören, dass die Zahl der Frauen, die wirklich Freude an ihrem Beruf haben und dabei psychisch gesund bleiben, sich also keineswegs „abspalten“ oder dissoziieren höher ist, als man gemeinhin annimmt.

Dieses Argument basiert auf der Annahme, Sexualität sei naturgemäß eng mit unserer Persönlichkeit und psychologischen Struktur verknüpft. Von Menschen, insbesondere von Frauen wird erwartet, dass sie beim Sex immer „ganz dabei“ und „authentisch“ sind. Dabei wird vergessen, dass Sexualität kein unumstößliches Wesen hat. Michel Foucault arbeitete schon vor 40 Jahren heraus, wie ein „vermachtetes Sexualitätsdispositiv“ historisch entstand und durch soziale Kämpfe veränderbar ist. Sexualität als individuelle Ausdrucksform ist im Übrigen eine moderne Erfindung.

Auch wird häufig die Möglichkeit ausgeschlossen, dass unsere Mitmenschen ihre Sexualität auch anders denken, wahrnehmen und ausagieren können. Viele Sexarbeiterinnen können nach eigenen Aussagen durchaus trennen zwischen ihrer privaten Sexualität und ihrem Beruf. Für manche sind andere Tätigkeiten viel intimer als Sex.

Ein Grund, dass Sexualität als so intim wahrgenommen wird, liegt in meinen Augen gerade in der jahrhundertelangen Tabuisierung und Geheimhaltung (ähnlich wie zum Beispiel bei der Körperpflege und den Körperausscheidungen). Bei der Sexarbeit wird weder der Körper, noch die Seele, geschweige denn die ganze Person verkauft. Tätigkeiten werden vom Menschen als Ganzes abgetrennt und gegen Bezahlung getauscht. Dadurch wird dies als Arbeit anerkannt. Dies ist ein essenzieller Bestandteil des kapitalistischen Systems, in dem es nur eine relative Freiwilligkeit gibt und der Zwang zur Arbeit nicht nur in der Sexindustrie als problematisch angesehen wird.
Es erstaunt mich, dass die Wahrung der Menschenwürde und Freiwilligkeit nur im Zusammenhang mit Sexarbeit aufgeworfen wird, nicht aber in der kaum weniger von Ausbeutung und Intimität geprägten häuslichen Pflege oder im Bereich der Gebäudereinigung (beides Berufe, die hauptsächlich von Frauen aus stigmatisierten Gruppen ausgeübt werden). Wieso halten wir den Verkauf von Körpern im Profifußball nicht für anstößig? Wie psychologisch gefährlich sind eigentlich prestigebehaftete Jobs in Führungspositionen?

Will man gegen die Kommerzialisierung von Leib und Seele vorgehen, müsste man nicht nur die Prostitution, sondern auch Erotik-Filme, erotisierende Werbung, Talk-Shows und Big Brother als menschenunwürdig betrachten und verbieten.
Sexualität wird auch außerhalb der Sexindustrie und den Medien gern als Tauschobjekt eingesetzt, zum Beispiel um berufliche Vorteile zu erlangen oder um innerhalb einer Ehe/Partnerschaft materielle Vorteile abzusichern. Es soll sogar vorkommen, dass Frauen sich beim Sex innerhalb einer Partnerschaft „abspalten“ und in andere Realitäten flüchten. Oft werden Orgasmen vorgetäuscht, damit der lästige Akt schneller vorbei ist.

Übrigens begründet die Menschenwürde „ein Abwehrrecht gegen den Staat“. Daher darf sie nicht gegen die Entscheidung des Individuums mobilisiert und in einen Eingriffstatbestand uminterpretiert werden.“ erklärt uns Prof. Dr. Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie/Rechtstheorie an der Universtität Halle. Es ist außerdem nicht die Aufgabe des freiheitlichen Rechtsstaats, eine bestimmte Vorstellung vom guten Leben durchzusetzen.

Quellen
Michel Foucault – Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit
Prof. Dr. Joachim Renzikowski – Reglementierung von Prostitution : Ziele und Probleme – eine kritische Betrachtung des Prostitutionsgesetzes

zu Teil 3

Ein Gedanke zu „Auf dem Grunde des Stigmas – Das Problem mit der Sexarbeit (Teil 2 von 4)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.