We are built to love – kleine Analyse der Nicht-Beziehung (Teil 2 von 2)

Die Nicht-Beziehung sieht augenscheinlich aus wie eine Beziehung, wird aber nicht so benannt, um Verantwortung, Erwartungen, Verpflichtungen und Bindung zu vermeiden. In Teil 2 geht es um zweifelhafte Liebesideale, alternative Liebensentwürfe, Geborgenheit und Resonanz.

Zu Teil 1…

Die Überfrachtung der Liebesbeziehung

Die klassische monogame Zweierbeziehung wird heutzutage idealisiert und mit Bedeutung und Ansprüchen überfrachtet. In Zeiten, wo es aus ökonomischen Gründen erforderlich schien, dass zwei Menschen sich lebenslang exklusiv aneinander binden, war die monogame Ehe ein sinnvolles Modell. Für ihren Erfolg war es oft erforderlich, dass man Kompromisse machte und sich aneinander anpasste. Oft hing sogar das Überleben der Familie davon ab, wie verlässlich, harmonisch und vorhersehbar die Ehepartner miteinander agierten. Man orientierte sein Handeln an Pflichten, Verbindlichkeiten und Loyalität.

Die Welt hat sich seither sehr verändert. Andere Werte bestimmen unser Leben. Es besteht keinerlei Notwendigkeit mehr, sich monogam und/oder lebenslänglich zu binden. Das Liebesideal ist jedoch erstaunlicherweise noch immer dasselbe. Nicht nur das: Statt davon auszugehen, dass eine Ehe oder Partnerschaft Arbeit und Opferbereitschaft erfordert, um gemeinsame Ziele verfolgen zu können, wird gegenseitige Anziehung als Indiz für eine sorgenfreie, stabile Zukunft gedeutet, was häufig zu Problemen führt.

Erschwerend hinzu kommt, dass die monogame Zweierbeziehung als der einzig angemessene und sichere Ort gilt, um Bedürfnisse nach Nähe, Intimität, Verbindung und Geborgenheit zu erfüllen. Hartmut Rosa beschreibt, wie die Liebe und die Familie zum wichtigsten, wenn nicht einzigen Hafen in einer modernen Welt wird, die von Konkurrenzkampf und Wettbewerb um begrenzte Ressourcen (zum Beispiel Wohlstand, Macht, Freund*innen) geprägt ist. Die Liebe gilt als Gegenutopie zur Marktgesellschaft, wo Erfahrungen gemacht werden können, die nicht auf Benutzung oder Kampf eingestellt sind. So zumindest sieht die Idealvorstellung aus. Wie oben beschrieben, wird die Realität diesem nicht immer gerecht.

Die alten Beziehungsideale sind überholt, Alternativen noch nicht etabliert

„We are build to love“ stellt Helen Fisher, Anthropologin und Expertin für die sogenannte „romantische Liebe“ in einem Ted Talk fest. Die Regeln und Tabus des Balzens haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt, doch das Bedürfnis, ja der Drang, zu lieben verändert sich nicht. Seit Langem gibt es Versuche, diese Regeln bewusst zu verändern, um unsere Bedürfnisse nach Verbundenheit, Intimität und Sicherheit jenseits der gängigen Beziehungsnormen befriedigender auszuleben. Innerhalb der immer bekannter werdenden Subkultur der einvernehmlichen Mehrfachbeziehungen wird versucht, Beziehungen mehr von der Bedürfnisseite her zu gestalten. Statt zu versuchen, die Partner*in zu verändern, kreiert man gemeinsam individuelle Beziehungskonzepte, die zu den Bedürfnissen aller Beteiligten passen. Oft werden jedoch noch immer Verträge beschlossen, die sicherstellen sollen, dass die eigenen Grenzen und Bedürfnisse geschützt werden.

Das Phänomen der Nicht-Beziehung erinnert mich stark an Unterströmungen dieser Subkultur wie „Solo-Polyamorie“ und Beziehungsanarchie, wo Verträge, Labels und damit verbundene Erwartungen und Ansprüche äußerst kritisch betrachtet werden (Stichwort: „relationship escalator“). Vielerorts wird ein Ideal der völligen Erwartungslosigkeit proklamiert, sodass bestimmte Bedürfnisse und insbesondere Forderungen peinlich werden. Misstrauen und Ängste hindern uns offenbar auch jenseits des „Beziehungs-Mainstreams“, uns den Menschen vertrauensvoll hinzugeben in dem Wissen, dass ihnen an unserem Wohlbefinden gelegen ist und ihre Autonomie nicht an und für sich bedrohlich ist.

Wenn wir eine Kultur der Freiheit und des Vertrauens etablieren wollen, ist es notwendig, Strategien von Bedürfnissen zu trennen. Bedürfnisse wie Sicherheit und Geborgenheit können auf viele verschiedene Arten und Weisen  erfüllt werden, nicht nur durch gängige „Bindungsanzeiger“ wie sexuelle Exklusivität, gemeinsamer Wohnraum oder ein Ring am Finger. Offene Kommunikation, Respekt und Wertschätzung für die Menschen und Beziehungen unterscheiden meines Erachtens die Nicht-Beziehung von sogenannten Mehrfach-, Polyamoren oder anarchistischen Beziehungen. Liebe bemisst sich aber eigentlich nicht in gemeinsam verbrachter Zeit, räumlicher Nähe, Häufigkeit von Sexualität oder Zahl der Textnachrichten pro Tag. Meiner Ansicht nach ist das essenzielle Bedürfnis unserer Herzen, sich zu öffnen und sich einzulassen (auf Menschen, aber auch auf die Welt, die Natur…). Hartmut Rosa beschreibt dies als Bereitschaft, aufeinander wechselseitig in Resonanz zu reagieren. Ein Resonanzverhältnis kann in einer bestimmten Situation unmittelbar und intensiv erlebt werden, kann sich aber auch auf die gesamte Beziehung ausweiten, wenn die Begegnung und Interaktion der Liebenden über die Zeit als ein einziges Resonanzverhältnis begriffen wird. Dieses Gefühl von Verbindung ist unabhängig von den momentanen autonomen Handlungen der Beteiligten.

Wieso wird einvernehmlichen Mehrfachbeziehungen mit Irritation, Skepsis und Verunsicherung begegnet, häufig sogar mit Vorurteilen und Stigma, während die sogenannte Nicht-Beziehung vollkommen legitim zu sein scheint, eben ein typisches Phänomen unserer Zeit? Vermutlich ist es leichter, die Nicht-Beziehung in vorhandene Kategorien von Beziehungen einzuordnen, während für die Praxis der Mehrfachbeziehungen und ihrer Ausdrucksformen neue Kategorien, mindestens aber ein neues Vokabular erfunden werden müsste. Die Grenzen unserer Sprache bestimmen die Grenzen dessen, was es gibt, sowie die Formen der möglichen Bezug- und Stellungnahme dazu. Mithilfe einer neuen Sprache, sowie durch Handeln und Sichtbarkeit können Normalitätsgrenzen verschoben werden. Wir leben zudem in einer Welt, die von Anerkennungspraxen gesteuert wird; über Anerkennung bezieht die „Normalität“ ihre Macht. Unabhängig davon, wie wir unsere Beziehungen gestalten, liegt es also in den Händen beziehungweise Mündern jeder einzelnen von uns, eine neue Beziehungskultur zu entwickeln, die unsere Herzen mehr schont und mehr erfüllt als die gängige Praxis.

Den Anstoß zu diesem Text und viele hilfreiche Gedanken gaben ein Hinweis von Christian, Cloudys wundervolles Teach-In Einvernehmliche Mehrfachbeziehungen im Ewaldshof, ein köstliches Gespräch mit einem weiteren Christian und ein fabelhaftes unveröffentlichtes Manuskript von Julio Lambing. Vielen Dank.

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