Von Liebe, Angst und Freiheit (Teil 1 von 4)

Wann ist Liebe denn eigentlich wirklich frei?
Die menschliche Freiheit ist die Quelle tiefster Ängste. Können wir uns nicht an gesellschaftlichen Vorgaben, Normativitäten, ausgetretenen Pfaden orientieren, sind wir plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen und müssen zunächst einmal entscheiden, was uns wichtig ist. Und tragen mit einem Schlag eine Verantwortung, die uns zuweilen überfordert.

Teil 1: Von der Angst

„In unserer gegenwärtigen Kultur ist die individuelle Geschlechtsliebe ein Fetisch, eine gesellschaftliche Mystifikation.“ Volkmar Sigusch

Stellen wir uns eine unkonventionelle Liebesgeschichte vor:

Zwei Menschen begegnen sich alle paar Monate im Zusammenhang mit Projekten des gemeinsamen Freundeskreises. Sie lieben sich innig, sind körperlich nah und teilen Sexualität, verbringen jedoch kaum zweisame Zeit miteinander, die lediglich dem Genuss der gegenseitigen Gesellschaft dient. Sie finden es nicht wichtig, viel zu wissen über das Leben und die Geschichte des anderen. Auch nicht, einander von ihren Gefühlen füreinander zu erzählen. Ebensowenig findet Kommunikation statt, die dazu dient, sich wechelseitig ihre Wunderbarkeit, Einzigartigkeit und ihren Wert zu bestätigen. Im Mittelpunkt steht das Fühlen und Spüren einerseits, die Auseinandersetzung über gemeinsame Themen, Interessen, Wege, Ziele und Vorhaben andererseits.

Zwischen den Treffen pflegen sie so gut wie keinen Kontakt und wissen dennoch, dass sie einander im Herzen tragen und sich einander verbunden fühlen. Mit der gemeinsam verbrachten Zeit vertiefen sich zwar ihre Zuneigung und Gefühle von Nähe und Verbundenheit. Wünsche, Ansprüche, Erwartungen entstehen daraus jedoch nicht. Sie wissen nichteinmal, wann sie sich wiedersehen werden – und ob überhaupt.

Diese Liebe lebt nur in der Gegenwart. Gemeinsame Geschichte spielt kaum eine Rolle und aus der Art und Intensität der Begegnungen in der Vergangenheit lässt sich nur sehr begrenzt auf die gemeinsame Gestaltung der Gegenwart schließen. Ebensowenig trägt die Gegenwart keinerlei Verweis auf die Zukunft in sich.

Zwei hochautonome Wesen, die nichts voneinander brauchen und wollen, genießen einander aufs Intensivste, genau jetzt. Jede Form gemeinsamen Handelns oder Interaktion, sei es Kochen, Sprechen, Berührung oder Sex wird als Selbstzweck ausgeführt, enthält ein Moment des einander Erkennens und Erfreuens und steht in seiner Momenthaftigkeit für sich allein.

Man könnte diese Liebe „absichtslos“ nennen. Weder die Person noch die Beziehung zu ihr erfüllt einen Zweck. Es gibt kein Skript, kein Ziel, nichts worauf man hinarbeitet, was man erreichen oder erlangen möchte. Es geht nicht darum, die Bindung zu festigen, Vertrauen zu entwickeln, einander in allen Winkeln kennenzulernen oder Sicherheit und Geborgenheit zu finden. In diesem Sinne ist sie auch bedingungslos – das Gegenüber muss nicht auf bestimmte Weisen handeln, um dem anderen die Bedürfnisse zu erfüllen, die es an Liebespartner hat oder die Rollen zu erfüllen, die Liebespartner für sein Leben spielen.

Kein Plan, keine Konvention, keine Orientierung. Diese Liebe ist extrem frei – so frei, dass es Angst macht. Aber wieso? Wieso scheinen Liebende in Zeiten hochgradiger Individualisierung nach wie vor die immer gleichen Wege zu gehen? Wieso nehmen so viele Reißaus, sobald ihnen eine Liebe begegnet, die nicht den ausgetretenen Pfaden zu folgen scheint?

Schauen wir uns einmal einige Fragen an, die häufig aufzukommen scheinen:

Was bedeutet das alles? Worauf kann ich mich verlassen? Angst vor Verletzung.

In Augenblicken der Liebe nehmen wir wie kaum sonst die Qualität des Lebens wahr. Insofern messen wir der Liebe, die immer exklusiv und einzigartig ist, enormen Wert für unser Lebensglück bei. Diesen Zustand wollen wir uns natürlich erhalten.

Gleichzeitig ist kaum jemand ganz und gar frei von sogenannten Bindungsstörungen oder unvorbelastet durch frühere Beziehungen. Und erstaunlicherweise scheinen wir einer geliebten Person noch mehr zu misstrauen als unseren Eltern.

Die Liebe geht für gewöhnlich mit einer gefühlsmäßigen Öffnung einher, über die wir zuweilen wenig Kontrolle zu haben scheinen und die ein Gefühl von Ausgeliefertheit und Verletzlichkeit hervorruft. Wir gehen üblicherweise davon aus, dass nur Menschen, mit denen wir in bestimmten Formen von Beziehungen stehen – Familie und Lebenspartner – gewissermaßen „verpflichtet“ seien, auf unser Wohlergehen zu achten und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Allen anderen Menschen, egal wie innig wir einander lieben, egal wieviel Sex wir mit ihnen hatten, müssen wir zu einem gewissen Grade misstrauen, weil wir keinen „Anspruch“ auf ihre Rücksichtnahme haben.

Also fürchten wir uns und versuchen daher impulsiv, die Gegenwart in eine Form zu gießen, die einen möglichst gleichbleibenden Zustand von Glückseligkeit garantiert. Ist dies nicht möglich, sind wir in ungewohnter Weise mit der unausweichlichen wie gefürchteten Tatsache konfrontiert, dass Beziehungen jeglicher Art durch beständigen Wandel charakterisiert sind, dass Menschsein ein Moment der Unberechenbarkeit enthält und dass „Sicherheit“ eine Illusion ist.

Was bedeute ich ihm/ihr? Was will er/sie von mir? Bedürfnis nach Anerkennung.

Die Suche nach Bestätigung und Zuneigung durch andere prägt das Leben der meisten Menschen. Unser Wert für andere ist essenziell wichtig für unser Selbstwertgefühl, das sich heuzutage nurmehr aus dem Selbst an sich speist, welches wiederum von der Anerkennung der anderen, insbesondere Liebespartnern, abhängig ist. Die Anerkennung und Bestätigung durch den/die Liebespartner*in wird oft als die Wichtigste erachtet. Zusätzlich scheint sie für viele nur zu „zählen“ oder überhaupt wahrgenommen zu werden, wenn sie in bestimmten Ausdrucksformen daherkommt (eine gewisse Frequenz gemeinsam verbrachter Zeit, Kontinuität von Kommunikation in Zeiten räumlicher Trennung, Kosewörter, Händchenhalten, Zukunftspläne, Integration in Familie/Freundeskreis etc.)

Es ist verwirrend, wenn dies alles wegfällt. Zum einen fehlt uns das Gefühl von Bestätigung und Aufwertung, dass wir aus Liebesbeziehungen gewohnt sind. Zum anderen fragen wir uns vielleicht, wieso eine Person Interesse an unserer Gegenwart hat, die nichts von uns zu brauchen scheint.

Wo führt es hin? Was habe ich davon? Suche nach Sinn und Zweck.

Wenn “der andere, mit seinem Sein bewaffnet, in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat”, ensteht „die Bühne der Zwei“, so der Philosoph Alain Badiou. Liebe bringt immer Kontrollverlust mit sich. Leider wird üblicherweise davon ausgegangen, dass ein Sich-verlieben automatisch dazu führt, dass man eine Partnerschaft eingeht und dies wiederum bedeutet, dass wir unsere Leben so umgestalten müssen, dass sie zu einem werden. Das ist aufwändig und führt dazu, dass Liebespaare sich hauptsächlich miteinander und ihrem gemeinsamen Leben beschäftigen. Dieser Aufwand wird oft damit gerechtfertigt, dass eine „Beziehung“ einen festen Haltepunkt bieten soll, damit man die Welt besser aushalten kann. Einsamkeit gilt als ungesund, nicht zuletzt deshalb, weil man davon ausgeht, dass Menschen diese Form von Bezogenheit und geteilten Lebens brauchen, um glücklich zu sein. Um die Festigkeit des Haltepunktes herzustellen, versucht man üblicherweise, einem gesellschaftlich vorgegebenen Verlauf und räumlicher wie zeitlicher Struktur zu folgen (zusammenziehen, heiraten, Familie gründen usw).

„Ist der Liebe wie dem Sexuellen seelisch und sozial die Funktion zugewiesen, gesellschaftliche Leere zu überbrücken, Lücken aufzufüllen, Sinn vorzutäuschen, Lebendigkeit einzublasen, die Menschen überhaupt noch etwas Menschliches spüren zu lassen, so tun beide eben dies alles. Denn wir wollen alle lieben und geliebt werden, auf dass unsere kleine Welt voller erregter Harmonie sei und die große wenigstens augenblicklich in Ordnung. Wir wollen alle mit einem Menschen glücklich sein. Dieser Wunsch der Wünsche hat die Kraft einer Naturgewalt.“ Volkmar Sigusch

Hat eine Liebe einen Wert, die nirgens „hinführt“? Die uns keinen Schutz gewährt vor den Unbillen des Lebens? Die uns keinen Bezugspunkt bieten will, an dem wir uns orientieren können, um die Verantwortung für unser eigenes Lebensglück zu umgehen?

zu Teil 2

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