Von Liebe, Angst und Freiheit (Teil 2 von 4)

Wann ist Liebe denn eigentlich wirklich frei?
Die menschliche Freiheit ist die Quelle tiefster Ängste. Können wir uns nicht an gesellschaftlichen Vorgaben, Normativitäten, ausgetretenen Pfaden orientieren, sind wir plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen und müssen zunächst einmal entscheiden, was uns wichtig ist. Und tragen mit einem Schlag eine Verantwortung, die uns zuweilen überfordert.

zu Teil 1

Teil 2: Von der Liebe

„Die Liebe ist die unbegreiflichste, weil grundloseste, selbstverständlichste Wirklichkeit des absoluten Bewußtseins“ Karl Jaspers

Frei zu lieben* ist zuweilen nicht leicht. Wenn wir ausgetretene Pfade verlassen wollen, müssen wir unseren eigenen Weg finden. Ein Kompass (unsere Werte und Ziele, unser Lebensweg, was uns wichtig ist im Leben) und eine Landkarte (unsere persönliche Auffassung darüber, was Liebe und Beziehung ist und wie sie funktionieren) wären dafür nützlich, doch beide müssen wir eigentlich erst einmal selbst herstellen. Beginnen wir mit der Landkarte – einige Gedanken darüber, was Liebe wohl sei.

Liebe ist ein Rausch, der erfunden wurde, damit wir ficken.“

So bringt Friedemann Karig eine mögliche Betrachtungsweise auf den Punkt. Liebe ist kein Gefühl, auch kein Konglomerat von Gefühlen, sondern ein archaischer Trieb, ein Drang, wie Durst und Hunger. Verliebte sind berauscht von körpereigenen Drogen, vor allem Dopamin und Oxytocin. Neurophysiologisch unterscheidet sich dieser Zustand nur unwesentlich von einem Kokainrausch. Das Erlebnis ist jedoch ein ganz anderes, weil Liebe uns etwas bedeutet. Dieser Hormoncocktail soll uns dazu bringen, Nachwuchs zu zeugen. Und nicht nur das: Während des Menschwerdungsprozesses brachten unsere Vorfahren ihren Nachwuchs in immer früheren Entwicklungsphasen zur Welt, was zur Folge hatte, dass sie sich immer länger um sie kümmern mussten.
Viele finden die These schlüssig, dass die Natur dem Menschen so viel Bindungslust mitgegeben hat, um sicherzustellen, dass sie den sich langsam entwickelnden Nachwuchs eine gewisse Zeit gemeinsam versorgen. Die Annahme, dass dies optimalerweise in Zweierkonstellationen geschehen müsse, ist vermutlich später hinzugekommen. Viele glauben, die monogame Beziehung bzw. Ehe sei nicht nur ein konstruiertes Ordnungsprinzip des Privaten, sondern auch ein Machtinstrument, das dazu dient, die Menschen unter Kontrolle zu halten.

Die Liebe ist ein soziales Konstrukt 

Ab einer Zahl von 150 Personen können Gruppen sich nicht mehr selbst zusammenhalten (die sogenannte Dunbar-Zahl bezeichnet die theoretische kognitive Grenze der Anzahl an Menschen, mit denen wir soziale Beziehungen unterhalten können). Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, wie im Laufe der Zivilisationsgeschichte unter anderem Mythen dazu dienten, den Zusammenhalt in den immer größer werdenden Gemeinschaften zu sichern. Hierzu gehören nicht nur sinnstiftende Erzählungen wie der Gilgamesch-Epos, sondern beispielsweise auch Götter, Nationen, Geld, Indivdualismus und die Menschenrechte. Diese Dinge existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt, in den Geschichten, die wir erfinden und einander immer wieder erzählen. Nichstdestotrotz ist jede großangelegte menschliche Unternehmung fest in diesen Geschichten verwurzelt. Die erfundene Ordnung formt die wirkliche Welt, bis wir uns kaum noch eine andere vorstellen können. Von Geburt an wird jeder unserer Wünsche, selbst die persönlichsten, durch die Mythen der erfundenen Ordnung geprägt. In meinen Augen gehört die Liebe ebenfalls in diese Kategorie. Sie ist ein Mythos, der irgendwann erfunden wurde und seither unser Gefühlsleben prägt und unser Leben strukturiert. Tatsächlich gibt es unzählige verschiedene Liebesmythen – wir haben es heutzutage in unserer westlichen Kultur mit der sogenannten „romantic love“ zu tun.
Diese spezifische Form von Liebe bezeichnet Eva Illouz als ein erfundenes Gefühl, das durch die omnipräsenten Liebesgeschichten erschaffen wird. Unsere Einbildungskraft hinsichtlich der Liebe bekommt so eine eindeutige narrative Form, die unser Gefühlsleben und unsere Wünsche prägt. Ich bin wie Friedemann Karig davon überzeugt, dass es nicht das Lieben ist, das uns so schwerfällt, sondern das Nachspielen dieser Geschichte.
Um eine erfundene Ordnung aufrechtzuerhalten, sind konstant Anstrengungen erforderlich, die die Form von Zwang und Gewalt annehmen können. Obwohl uns der Mythos der romantischen Liebe unser Leben lang auf verschiedenste mehr oder weniger subtile Arten und Weisen nachhaltig eingebrannt wird, werden wir im Ernstfall zusätzlich in bestimmte Beziehungsstrukturen gezwungen (ich denke da z.B. an die Sonderrechte, die verheiratete Paare gegenüber anderen Beziehungsformen haben).

*Der Begriff „Liebe“ wird für die verschiedensten Arten von gefühlsmäßigen Reaktionen und Bezogenheiten verwendet. Hier soll es nicht um die Liebe gehen, die man für einen Urlaubsort oder ein Musikstück hegen kann. Auch nicht um Nächstenliebe oder Liebe zwischen Eltern und Kindern. Hier ist die Rede von der Art Liebe, die sich für gewöhnlich in einer Kombination von (u.A.) leidenschaftlicher Zugeneigtheit, Sehnsucht nach Nähe, nervösen Blicken, Kribbeln im Bauch, Steigerung der Herzfrequenz, schwitzigen Händen, langen Küssen und häufig auch sexuellem Begehren äußert. Für diese Art des Einander-zugetan-seins gibt es im Englischen den Begriff „romantic love“.

*Der Begriff „Liebe“ wird für die verschiedensten Arten von gefühlsmäßigen Reaktionen und Bezogenheiten verwendet. Hier soll es nicht um die Liebe gehen, die man für einen Urlaubsort oder ein Musikstück hegen kann. Auch nicht um Nächstenliebe oder Liebe zwischen Eltern und Kindern. Hier ist die Rede von der Art Liebe, die sich für gewöhnlich in einer Kombination von (u.A.) leidenschaftlicher Zugeneigtheit, Sehnsucht nach Nähe, nervösen Blicken, Kribbeln im Bauch, Steigerung der Herzfrequenz, schwitzigen Händen, langen Küssen und häufig auch sexuellem Begehren äußert. Für diese Art des Einander-zugetan-seins gibt es im Englischen den Begriff „romantic love“.

zu Teil 3

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