Von Liebe, Angst und Freiheit (Teil 3 von 4)

Wann ist Liebe denn eigentlich wirklich frei?
Die menschliche Freiheit ist die Quelle tiefster Ängste. Können wir uns nicht an gesellschaftlichen Vorgaben, Normativitäten, ausgetretenen Pfaden orientieren, sind wir plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen und müssen zunächst einmal entscheiden, was uns wichtig ist. Und tragen mit einem Schlag eine Verantwortung, die uns zuweilen überfordert.

zu Teil 2

Teil 3: Von der Freiheit (1)

Es verhält sich mit dem Selbstverhältnis von Menschen wie mit der Musik: Seine Konsonanz entsteht aus der Dissonanz und zehrt von ihr. Einklang mit sich ist aufgehobener Zwieklang. Wie in der Musik kennt das Austarieren der Integrität von Personen unendlich viele Formen. Alle Stimmigkeit aber bleibt auch hier relativ. Wäre sie absolut, wäre sie weder erkennbar noch fühlbar.

Martin Seel

Wir bewegen uns also in einer Landschaft aus biologischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Prägungen, auf der Suche nach unserem eigenen, glückbringenden Weg. Um dabei nicht allzu oft falsch abzubiegen oder ganz und gar verloren zu gehen, ist es wichtig zu wissen, wo man ungefähr hin möchte. Was sind unsere Wünsche, Ziele, Werte, Bedürfnisse, was Beziehungen angeht? Welche Beziehungsstrukturen ergeben sich daraus?

Wege
Für mich fühlt es sich an wie ein Umbauprozess, zuerst im Innen, dann im Außen. Oft auch umgekehrt oder sich wechselseitig bedingend. Wir verändern die Art, wie wir über Beziehungen, Menschen, uns selbst denken. Und wir verändern die Art, wie wir Menschen wählen, wie wir uns auf sie beziehen, wie wir Beziehungen räumlich und zeitlich strukturieren, usw. Meist ist dies ein langwieriger Prozess, weil Gefühle sich oft nicht so verhalten, wie wir uns das wünschen würden. Trotz aller Reflektion stimmen sie häufig nicht sofort – manchmal auch niemals – mit unseren Ansichten und Überzeugungen überein.

Dabei sind sie ein guter Indikator dafür, was uns wichtig ist im Leben, was unsere wichtigsten Bedürfnisse sind, aber auch dafür, welche Annahmen wir mehr oder weniger bewusst mit uns herumtragen, die uns das Leben und Lieben schwer machen. Die Philosophin Martha Nussbaum versteht Gefühle nicht als körpergesteuerte Affekte, sondern als kognitive Antworten auf unsere Auffassung von Werten. Emotionen sind intelligent: Sie zeigen uns, welchen Dingen und Personen außerhalb unseres Kontrollbereichs wir große Wichtigkeit für die Entfaltung und das Glück unserer Person beimessen. Insofern sind sie ein wesentlicher Bestandteil unserer ethischen Überzeugungen. Die kognitiven Inhalte unserer Emotionen werden wesentlich geprägt von unserer Gesellschaft und Kultur; sie sind einem sozialen Prozess individuellen Lernens und Entwickelns unterworfen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass unsere Gefühlsreaktionen sich verändern, wenn unsere Überzeugungen sich verändern. Wir sind unseren Gefühlen also nicht ausgeliefert. Üblicherweise wird versucht, dem Leiden an der Liebe mit immer mehr Selbstreflektion und „Heilung“ durch Techniken aus der Psychologie beizukommen (Arbeit mit dem sogenannten inneren Kind oder frühkindlichen Erfahrungen, Elternbeziehung, Traumaheilung u.v.m.). Doch bereits Simone de Beauvoir kritisierte, dass die Psychoanalyse das Individuum immer nur aus seiner Bindung an die Vergangenheit erklären will, nicht aber im Hinblick auf die Zukunft, in die es sich entwerfen will. Ich will nicht behaupten, dass psychologische Techniken nicht hilfreich sein können, doch sie bergen die Gefahr, in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben und sich fortwährend in immer neuen Spiralen reflexiver Selbstbetrachtung zu drehen.

Alternativ oder ergänzend dazu können wir uns entscheiden, wie wir lieben und leben wollen. Nach welchen Werten und Tugenden wir streben möchten, welchen Handlungskonzepten wir folgen möchten, welche Prioritäten wir setzen. Was es für uns bedeutet, ein sinnerfülltes Leben zu leben. Das ist viel leichter gesagt, als getan. Unsere Prägung durch Eltern und Kindheit, unsere gesellschaftlich bestimmte Auffassung von Normalität, unsere biologische Natur und Erfahrung unseres Selbstes steht der Verwirklichung unserer Träume oft im Wege. Nun leben wir in einem Spannungsfeld zwischen dem, was wir sind und können und dem, was wir sein und tun wollen. Der Trick ist, die Konflikte, die daraus entstehen, kreativ und schöpferisch zu nutzen, statt an einer Konzeption des Lebens festzuhalten, der zufolge ein „gutes Leben“ frei von Konflikten und Spannungen sei.

Der Mensch ist ein System, dass weder fragil noch stabil ist. Es verändert sich ständig (ähnlich wie der menschliche Körper ein System fortlaufender Transformations-, Aufbau- und Abbauprozesse ist) und ist gerade deshalb extrem widerstandsfähig. Wir sind dazu in der Lage, uns immer mehr zu stärken und zu erweitern, in dem wir ein kleines Stückchen über die Grenzen unserer Komfortzone hinausgehen.

Man könnte einwenden, dass die Liebe nicht nur eine Wahl ist, sondern auch über uns kommt. Viele Menschen sind – oder fühlen sich zumindest – zunächst machtlos, wen sie lieben, wie heftig, wieso. Erst nach einiger Zeit ist man in der Lage, über Kompatibilität nachzudenken und darüber, wie man diese Liebe gestalten will. Wir haben eine Wahl, nicht nur bezüglich des Objektes unserer Liebe, sondern auch hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung. Beides hängt in meinen Augen stark davon ab, welche Geschichte wir um unsere Liebe herum erfinden, sowohl allgemein als auch in Bezug auf einzelne Personen. Welche Regeln, Institutionen und Wünsche verbinden wir damit, welche Bedürfnisse hoffen wir damit zu erfüllen (Resonanz, Spiel, Selbsterfahrung, Wachstum, Bindung, Sicherheit, Sex, Kooperation … )? Welchen Stellenwert hat sie in unserem Leben, welches Verhältnis von Autonomie und Verbindlichkeit tut uns gut? Welche Strukturen wollen wir bilden (Verknüpfungen autonomer Wesen? Eine Gruppe/Clan? Paarkonstellationen?)

https://evahanson.de/2019/05/10/von-liebe-angst-und-freiheit-teil-4-von-4/zu Teil 4

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