Sex Macht Dich Frei! (Teil 2 von 2)

Gedanken zu einem Abend mit Felix Ruckert und Michel Foucault

zu Teil 1

Ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl.

In den letzten 200 Jahren hat sich eine bestimmte Art eingebürgert, über Gefühle zu reden. Seither sickert psychologisches Vokabular in unsere Alltagssprache ein (Unterbewusstsein, Kindheitstrauma, Vaterthema, Prozess, Depression …) und prägt unsere Art, uns selbst zu sehen und miteinander in Beziehung zu treten. Gefühle werden standardmäßig etikettiert und interpretiert, in dem Glauben, sie würden auf unser „wahres Wesen“ verweisen. Unser hauptsächlicher Beziehungsmodus basiert darauf, dass Eine der Anderen die eigene Introspektion offenbart, während jene diese Introspektion in psychologischen Kategorien ausdeutet. Dabei ist es nicht unüblich, alle möglichen Themen über den Sex aufzuschlüsseln.

Die Erfindung und Erforschung der Psyche war Teil einer Reihe komplexer Institutionen, in die Normalitätskontrollen und Konditionierungsmethoden eingebaut sind, welche sich auf die Wissenschaften stützen. Sie dienen der Formung eines bestimmten Menschen: eines Menschen, der beispielsweise voll und ganz für sein eigenes Wohlergehen verantwortlich ist („Du kannst alles schaffen, wenn du nur wirklich willst!“); der sich selbst kontinuierlich optimiert, um gesund, glücklich, produktiv und liebenswert zu sein; der so sehr mit sich und seiner Intimwelt beschäftigt ist, dass er die Gesellschaft, die ihm dieses Verhalten vorgibt, selten in der Tiefe hinterfragt, geschweige denn auf eigene Ideen kommt.

Wo ist also das wirklich Kritische, Politische und Avantgardistische an „Sexpositivität“?

Fazit.

Ich möchte hier keineswegs infrage stellen, dass das Schaffen sexpositiver Räume wertvoll und wünschenswert ist. Nur leider halten sie nicht, was sie versprechen.
Selbstfindung und Selbsterkenntnis (im richtigen Maße) sind unabdingbar für ein gutes und glückliches Leben und durchaus nützlich zur Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums. „Authentizität“ aber ist eher hinderlich beim Nachdenken über eine gemeinsame Ethik und die Veränderung der Gesellschaft. Die Idee einer Aufweichung des Kapitalismus durch erfüllte Sexualität halte ich für unrealistisch. Ist es nicht vielmehr so, dass in sexpositiven Räumen unter gewissen Umständen Gefühle zu Waren gemacht und gegen Geld verkauft werden?

Wie könnten wir also eine wirklich zukunftsweisende sexuelle Kultur gestalten?

Der künstlerische Ansatz, konsequent umgesetzt, würde in meinen Augen bedeuten, am Sex das Handeln anzudocken, nicht die Introspektion: Statt auf der Interpretation von Gefühlen läge der Fokus der Aufmerksamkeit dann darauf, ob der Sex zu einem guten Leben beiträgt. Für die direkt beteiligten Personen, aber auch für das soziale Netzwerk um sie herum.

Ein solcher Umgang mit Sex ist voraussetzungsreich:
Wir müssten uns vom „Konzept Sex“ freimachen, um die Körper, die Lüste, die Begehren, die Praktiken und die Wissen in all ihrer Vielfältigkeit vor den Zugriffen der Macht zu schützen.
Wir müssten von uns selbst so weit absehen, dass wir mit unserer Expressivität und Kreativität wirklich originelle Ereignisse erschaffen können.
Wir müssten unsere eigene Kontingenz und Unkontrollierbarkeit willkommen heißen, um den Druck kultureller Selbstverständlichkeiten zu mindern.
Wir müssten akzeptieren, dass sinnliche Begegnung oftmals lediglich zufälliges Produkt gemeinsamer Öffentlichkeit ist, um leiblichen Ausdruck als Elemente einer gemeinschaftlichen Kultur zu gestalten.
Wir müssten eine ars armatoria, eine Liebeskunst kultivieren, die sowohl Technik und Kunstfertigkeit vermittelt, als auch Tugenden einübt und einen tiefen Respekt vor der Wirkmacht sinnlicher Interaktion lehrt.

So könnten Sex als Kunst und Kunst als Sex durchaus Wege sein, um zu lernen, sich nicht dressieren zu lassen. Und somit zu wirklicher(er) Freiheit führen.

Quellen und Weiterführendes.

Michel Foucault – Sexualität und Wahrheit 1 (Erste deutsche Auflage 1983)
Robert Lehmann – Kontingenz und Sinnlichkeit (unveröffentlichtes Manuskript, o.J.)
Julio Lambing – Ars Amatoria. Die Geburt der handelnden Liebe aus dem Sex (unveröffentlicher Aufsatz, 2016)
Eva Hanson – Unisono (2017)

Ich danke Julio Lambing für die Zur-Verfügung-Stellung seiner unveröffentlichten Texte, zahlreiche lehrreiche Gespräche und seine kritische Lektüre dieses Textes.

Die Werkstatt Dritter Ort ist ein nichtkommerziell ausgerichteter Veranstaltungsort in Köln, der sich als Ort der Bildung sowie Wahrnehmungs- und Handlungszentrum versteht. Hier finden regelmäßig Workshops, Vorträge,Treffen, Aktionen und Feste statt.
Ich gebe hier ausdrücklich nicht die Meinung des Dritten Ortes oder des Werkstattteams wieder, sondern meine eigene.

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