Von Liebe, Angst und Freiheit (Teil 4 von 4)

Wann ist Liebe denn eigentlich wirklich frei?
Die menschliche Freiheit ist die Quelle tiefster Ängste. Können wir uns nicht an gesellschaftlichen Vorgaben, Normativitäten, ausgetretenen Pfaden orientieren, sind wir plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen und müssen zunächst einmal entscheiden, was uns wichtig ist. Und tragen mit einem Schlag eine Verantwortung, die uns zuweilen überfordert.

zu Teil 3

Teil 4: Von der Freiheit (2)

Das Gefühl ist frei, wenn es von keiner fremden Vorschrift abhängt, wenn es ohne jede Scheu in seiner Aufrichtigkeit gelebt wird.

Simone de Beauvoir


Ziele
Eine kleine Auswahl möglicherweise hilfreicher alternativer Metaphern:

Ovid setzte die Liebe mit einem Handwerk gleich: Man kann sie erlernen und man muss sie üben. Sie ist eine Fähigkeit, deren Entwicklung Talent und Lernbereitschaft erfordert.
In ähnlicher Weise könnte man Liebe als Praxis verstehen, die spezielle Güter pflegt (Küsse, Liebesschwüre und dergleichen). Sie wird um ihrer Selbst willen ausgeübt und dient keinem weiteren Zweck als jenem, die entsprechenden Tätigkeiten möglichst vortrefflich auszuführen. Eine Praxis wird gewöhnlich kulturell tradiert.
Man kann jede Liebe auch als einzigartiges Kunstwerk verstehen, wo zwei oder mehr Menschen kreativ und schöpferisch zusammenarbeiten, um eine gemeinsame ästethische Erfahrung zu kreieren. Gemeinsame Ziele, Geduld und Disziplin sind dabei hilfreich.
Ich experimentiere gerade damit, von einer bienenstockähnlichen Lebensstruktur auszugehen: Hier ist die Liebe nicht mit der herkömmlichen Form von „Beziehung“ gleichgesetzt, die üblicherweise auf das Verfolgen gemeinsamer Ziele und dem Aufbau eines gemeinsamen Lebens hin entworfen wird.
Menschen sind aufeinander in freundschaftlicher, kameradschaftlicher Weise bezogen. Interaktionen dienen nicht in erster Linie dem Herstellen von Intimität durch Offenbarung des eigenen Inneren, sondern bestimmten Zwecken wie dem Austausch von Informationen, wechselseitigem Lernen und anderen Formen der Kollaboration. Anders als in einem echten Bienenstock, hat die Liebespraxis bzw. Liebeskunst in meiner Vision jedoch einen besonderen Platz (ich möchte nicht alljährlich alle Männchen töten, wenn sie ihren einzigen Zweck erfüllt haben).
Was verändert sich dadurch in unserer Liebensweise? Die Menschen, mit denen wir kollaborieren, mit denen wir Leben teilen und aufbauen, müssen nicht mehr die Kriterien von „psychologischer Vereinbarkeit« und „erotischer Anziehungskraft“ erfüllen. Die individuellen Eigenschaften, Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen der Beteiligten sind weniger von Belang als ihre Handlungsstile, Tugenden und Fähigkeiten (z.B: Zuverlässigkeit, Klugheit, Mut, Mitgefühl, Weitsicht, Engagement). Sympathie ist schön und hilfreich, aber da es nicht darum geht, sich in allen Lebensaspekten aneinander anzugleichen, seine Persönlichkeiten wechselseitig in der Tiefe aufzuschlüsseln oder absolut authentisch zu sein, ist allumfassende Kompatibiltät nicht notwendig.
Ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit muss nicht mehr über die beständige Kommunikation über die Gefühle füreinander und bestimmte räumliche und zeitliche Strukturen hergestellt werden, sondern kann sich z.B. aus gemeinsamen Tätigkeiten, Projekten und Lebenszielen generieren. Vollkommene Offenheit über Gefühle muss nicht mehr als besonderer Modus zur Herstellung von Nähe gelten.
Wichtiger ist das Teilen von Gefühlen und existenziellen Handlungen. Menschen können willentlich Gefühle miteinander teilen, wenn sie 1. aufgrund einer gemeinsamen Weltsicht und eines gemeinsamen Vokabulars für Betroffenheiten hinsichtlich eines Ereignisses ähnlich emotional betroffen sind, 2. diese Betroffenheit wechselseitig wahrnehmen, 3. die Situation gleichbedeutend bewerten, 4. aus ihren Gefühlen heraus gemeinsam handeln und 5. eine gemeinsame Erzählung hinsichtlich des Gefühls haben.
Das Teilen von Gefühlen und existenziellen Handlungen verdichtet sich für viele Liebende in der sexuellen Begegnung. Insofern können wir den sozialen Raum des Sinnlichen als einen Bereich verstehen, der unsere gemeinschaftlich organisierte Kultur durchdringt.
Beziehungen können insofern absichtslos werden, als dass sie keinem vorgebenen Verlauf folgen müssen, um essenzielle Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn die Versorgung mit Sinn, Anerkennung und Sicherheit durch den Zusammenhalt der Gruppe oder des Netzwerks gesichert ist, wird die Liebe von vielen Ansprüchen und Erwartungen befreit. So wird es um einiges leichter, die praktische Anerkennung der Autonomie des Anderen als zentralen Bestandteil einer Kunst der Liebe zu üben. Eine solche Liebe fühlt sich für mich sehr respektvoll an, weil sie dem Gegenüber sein unergründliches Geheimnis und seine Unberechenbarkeit zugesteht.
So wird es möglich, sich von der unerklärbaren Widerfahrnis der Liebe ergreifen und verzaubern zu lassen, ohne sich distanzieren oder in Panik ausbrechen zu müssen. Weil sie nicht zwangsläufig in unser Leben eingreift und wesentliche Veränderungen hervorruft und weil wir hinsichtlich unseres allgemeinen Wohlbefindens weniger abhängig von unseren Liebespartnern sind, haben wir mehr Kontrolle über die Wahrung unserer Autonomie.
Gleichzeitig haben wir uns in diesem Szenario zur überwältigenden Liebeserfahrung moralisch zu verhalten, um das Gruppengefüge nicht zu gefährden. Hier stellt sich die Frage, welche Ethik wir für unsere Liebeskultur entwerfen wollen.
Die Veränderung und Neuschöpfung von Narrativen und Bildern die Liebe betreffend kann auf einer sehr persönlichen, individuellen Ebene geschehen. Man kann damit aber auch weiter gehen und versuchen, eine neue Liebeskultur zu prägen.
Um eine bestehende erfundene Ordnung zu ändern, müssen wir zuerst an eine andere erfundene Ordnung glauben, sagt Harari. Ich sprach oben vom Mythos der romantischen Liebe. Erfundene Wirklichkeiten haben nur solange Macht in der wirklichen Welt, wie alle – oder zumindest die meisten – an sie glauben. Man kann die Formen des Zusammenlebens neu gestalten, indem man die Mythen verändert und neue Geschichten erzählt. Neue Metaphern und Bilder erfindet. Eine Lebensweise, die von genügend Individuen geteilt wird, kann zu Beziehungen führen, die keiner institutionalisierten Beziehung gleichen und zu einer Kultur und Ethik führen, glaubt Michel Foucault.
Heutzutage haben wir nicht nur Zugang zu den kulturellen Mustern, in die wir hineingeboren werden, sondern können zu einem gewissen Grad selbst wählen, welche kulturelle Tradition für unser Leben bestimmend wird. Nicht nur das: wir können selbst aktiv Kultur erschaffen, zumindest Subkulturen, die uns einen fordernden und fördernden Lebensraum bietet.

Inspiriert durch
Friedemann Karig – Vom Ende der Monogamie.
Martha Nussbaum – Upheavals of Thought.
Robert und Robert.
Einem unveröffentlichten Manuskript von Julio Lambing.
Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit.
Carlo Strenger – Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit.
Liebevollen Kämpfen mit und für Simon.
Simone de Beauvoir – Das andere Geschlecht.
Martin Seel – 111 Tugenden, 111 Laster.
Einem kurzen, aber sehr inspirierenden Gespräch mit Judith.
Michel Foucault (o.J.): Von der Freundschaft als Lebensweise – im Gespräch mit R. Ceccatty, J. Danet und J. le Bitoux
Volkmar Sigusch – Das Sex-ABC

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