Fragen der Prostitution (Teil 2 von 2)

Dass dieser Text verwirrt, war keine Absicht, aber unabwendbar. Die Haltung unserer Gesellschaft der menschlichen Sexualität gegenüber ist komplex, widersprüchlich, uneindeutig. Es gibt keine einfachen Antworten. Aber manche Fragen sind vielversprechender als andere.

In Europa trat mit dem Christentum die „Sünde“ auf den Plan und mit ihr Gebote, Verbote, „Sexualmoral“, Scham, Schuld, Sühne und das Geständnis. Das einzige Ziel der unsterblichen Seele sollte sein, das Fleisch zu überwinden, zu verlassen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen. Von der Philosophie wurde die Vernunft gegen das Körperliche ins Feld geführt, aus Verachtung gegenüber dem Physischen, also Verfallenden und Sterblichen, aus Angst vor der Degradierung des Menschen durch seine tierischen Wurzeln, aus Sorge, dass der Mensch durch die Instrumentalisierung seines Körpers seine Würde verlöre und in der Annahme, die Forderungen der sexuellen Impulse machten sie zu einer Gefahr für die Menschlichkeit und die Zivilisation. Ungeachtet unserer kürzlichen „sexuellen Befreiung“ ist die Vorstellung, Sex sei etwas Zwanghaftes, Schmutziges und Erniedrigendes, das Männer mit Frauen machen, nach wie vor tief in unsere Psyche eingeschrieben. Sie impft nicht nur Männern Selbstekel ein, sondern führt auch dazu, dass Respekt und Würde für Frauen unerreichbar ist. Denn nur eins ist schlimmer, als sich den niederen Instinkten des Mannes auszuliefern: Es nicht zu tun.

Michel Foucault zufolge wurden „Sexualität“ und „Psyche“ im 18. Jahrhundert als Wissensgegenstände und Forschungsgebiete erfunden, um sie untersuchbar und ihre obskure Macht beherrschbar zu machen. Ungefähr in dieser Zeit tauchte auch das Bild von der männlichen Sexualität als „Dampfkessel“ auf. Sexualität begann sich zu individualisieren und mehr und mehr zum maßgeblichen Faktor unserer Selbstvergewisserung und Selbstdefinition zu werden. Mittlerweile gilt der Körper als menschliches Kapital, als Ansammlung von Ressourcen. Jede menschliche Gemütsregung, bis ins Intimste, wird der Marktlogik unterworfen und die Medien bestimmen, was wir wollen sollen. Das sei Freiheit, erklärt man uns.
Aber „Sexpositivität“ schützt uns nicht vor Zwängen, und Individualität ist nicht mit Freiheit gleichzusetzen.

In den letzten Jahrhunderten ist in unserer sexuellen Kultur viel passiert: Die sexuelle Begegnung als gefühlvolles, inniges und psychisch bedeutsames Ereignis gibt es erst seit der Epoche der Romantik, das Erforschen und Pflegen sexueller Künste wurde ungefähr Mitte des 20. Jahrhundert zum Wert an sich. Vom Kinsey-Report und der Freie-Liebe-Bewegung lässt sich eine Verbindung zum Neotantra und zu den Sexratgebern und Sexworkshops des 21. Jahrhunderts ziehen. Sexuelle Subkulturen (z.B. Tantra, BDSM, Polyamorie) müssen sich heutzutage nicht mehr verstecken. In vielen Kinofilmen, den meisten Pornos und in der Debatte um Sexarbeit zeigt sich die körperliche Liebe trotzdem als abgeflachter Modus der Innigkeit, eigentlich begleitete Lust an sich selbst; isoliert von menschlichen Bezügen, findet sie nicht zufällig ihren Platz in der vermeintlich intimsten Form menschlicher Bezogenheit: der „romantischen Beziehung“. Leibhafte Bedürfnisse werden maß- und kunstlos befriedigt. Sinnliches Fast Food macht aber auf Dauer niemanden satt.

Ist das Florieren der Sexbranche vor diesem Hintergrund nicht logisch und fast schon notwendig?

Verbote und Strafen sind eine schwache Antwort auf besorgniserregende Phänomene wie frauenverachtende Pornografie, sexuelle Gewalt und sexuelle Dienstleistung. Sexuelles Glück wäre ein viel effizienteres Mittel, um ihnen entgegenzuwirken.

Gutes sinnliches Handeln ist voraussetzungsreich. Wir brauchen sowohl den Mut zur Ergriffenheit und Entgrenzung, als auch Behutsamkeit und Besonnenheit, Stil im Sich-Nähern und im Vollzug, Selbstvergessenheit und Anerkennung des Fremden, Freiheit von den Konventionen der Wahrnehmung, die Fähigkeit des Ausdrucks und des Verstehens von Unausgesprochenem, Lust am Spiel, eine Freude am ergebnisoffenen Umwerben, Verführen, an Reibung, Widerstand, Hingabe, vollständige Anerkennung der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit, die mit intimen Begegnungen einhergehen können. So wie in allen anderen Bereichen unseres Lebens auch, sollten wir uns im Umgang mit Verlangen, Lust, Innigkeit und Preisgabe am Schönen, Freien und Freundschaftlichen orientieren. Das Wissen, das wir so erwerben, wird zurückgewendet auf die Praxis, auf den Umgang mit den Lüsten. Die Gesten und Gebärden, die Berührungen, die Freuden der Liebe und die sinnlichen Genüsse werden im Hinblick auf die ihnen innewohnenden Intensitäten und Qualitäten gesehen, deren verfeinerte Wahrnehmung und Anwendung. Hinsichtlich ihrer Anwendung geht es um Fragen des rechten Moments, des rechten Orts, des rechten Partners, der Umstände, des Verhaltens und der Rolle, die diese Art von Vergnügungen im eigenen Leben spielen soll. So ergeben sich Verhaltensweisen, die bestimmte Werte erschaffen und bekunden.

Wäre Sexarbeit in einer menschenfreundlichen sexuellen Kultur überflüssig oder zeitgemäß?

Genau wie die Sexualität hat auch die Sexarbeit kein unumstößliches Wesen. Sie ist durchaus denkbar als gemeinsames Vergnügen, das respektvoll und auf Augenhöhe stattfindet. Zudem hat genau dieser Berufszweig ein großes Potential dafür, erotisches Know-How und entsprechende Fertigkeiten und Tugenden zu vermitteln und zu einer lebendigen und vielseitigen sexuellen Kultur beizutragen. Schon heute entstehen und verbreiten sich neue Formen von Sexarbeit und entsprechende Ausbildungskonzepte, die ganzheitliche Körperarbeit, sexuelles Lernen und sinnliches Vergnügen mit Beratung und Coaching verbinden. Zu nennen wären hier zum Beispiel Surrogatarbeit (Sexualbegleitung), Sexological Bodywork, Tantra-Massage oder Spezialistinnen in BDSM. Leider werden (neben guten Arbeitsplätzen für „klassische“ Sexarbeiterinnen) solche Arbeitsformen, also gerade die selbstbestimmten und kreativen Formen sexueller Dienstleistung, im Rahmen der Umsetzung des kürzlich in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetzes durch Auflagen erschwert, die eine Schließung fast erzwingen.

*) Die Begriffe „Prostitution“ und „Sexarbeit“ werden meist synonym verwendet, sind jedoch bei genauem Hinsehen mit unterschiedlichen Vorstellungen verknüpft. Etymologisch geht das Wort „Prostitution“ auf „lat. prōstituere ‘vorn hinstellen, seinen Körper öffentlich zur Unzucht preisgeben, schänden’“ zurück. Der Begriff „Sexarbeiterin“ bzw. „sex worker“ wurde 1978 von Carol Leigh geprägt. Er soll helfen, negative Konnotationen abzubauen und Tätigkeiten im Bereich der Sexualität in eine Reihe mit anderen Dienstleistungen stellen. Der BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen) spricht sich im Zusammenhang mit dem Prostituiertenschutzgesetz für seine Verwendung aus, um die gesamte Bandbreite der Betriebsformen zu erfassen.

Quellen und Weiterführendes:

Stanford Encyclopedia of Philosophy – Sex and Sexuality (2018)
https://plato.stanford.edu/entries/sex-sexuality/#GoodBadSex

Platon – Symosion (vermutlich 385–370 v. Chr.)

Kant – The Moral Use of Sexuality (Lectures on Ethics, vermutlich 1775-1780

Michel Foucault Sexualität und Wahrheit, Erster Band: Der Wille zum Wissen (1987)

Byung-Chul Han – Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht (2015)

Laurie Penny – Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution (2014)

Ilan Stephani – Lieb und Teuer (2017)

Anonym – Das Problem ist euer Bild von uns (2017)

Undine de Rivière – Mein Hurenmanifest. Inside Sexbusiness (2018)

Marijke Vonk – Not all Men (2014)

Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung – Sachstandbericht zur Umsetzung des Prostitutionsschutzgeset-zes in Nordrhein-Westfalen im Hinblick auf das Mitführen der Anmeldebescheinigung (Mai 2019)

Huschke Mau – Sie kaufen deinen Ekel (2019)

Ich danke Julio, Robert und Johannes für die kritische Lektüre und viele hilfreiche Anmerkungen.

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