Kein Sexkaufverbot in Deutschland! Warum Prostitutions-Gesetze uns alle angehen.

Die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier hat kürzlich einen fraktionsübergreifenden Parlamentskreis „Prostitution überwinden“ gegründet. Nach der Sommerpause 2019 soll auf ein Sexkaufverbot hingearbeitet werden. Warum das unserer Demokratie gefährlich werden könnte.

Ich habe versucht, mich kurz zu fassen – es ist mir nicht gelungen. Das Thema ist zu komplex und zu besorgniserregend, als das lesefreundliche Knappheit angemessen wäre. Bitte lest trotzdem.

Dies ist das Resultat aus drei Jahren Beschäftigung mit Sexarbeit – geistig, körperlich und emotional – und für die gedacht, die diese Zeit nicht haben. Sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss; aber hoffentlich geeignet, um einen Startpunkt für weiterführende Gedanken und fruchtbare Diskussionen zu bilden.

Ich habe über das Thema Sexarbeit viel nachgedacht. Nicht nur, weil durch die deutsche Gesetzgebung mein eigener Beruf gefährdet ist, sondern vor allem deshalb, weil ich mir Sorgen um die sexuelle Kultur in unserer Gesellschaft mache. Wir scheinen uns in dieser Hinsicht gleichzeitig vorwärts und rückwärts zu bewegen und die öffentlichen Debatten werden der Komplexität dieser Angelegenheit niemals gerecht. Die Politik schon gar nicht.

Das 2017 in Kraft getretene „Prostituiertenschutzgesetz“ verfolgt das hehre Ziel, Menschenhandel und Zwangsprostitution einzudämmen. Es beinhaltet im Wesentlichen eine Anmeldepflicht für Prostituierte, eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsgewerbe, eine verpflichtende Gesundheitsberatung, Kondompflicht und Werbeverbot. Eine erste NRW-weite, von KOBER in Auftrag gegebene Studie deckte 2019 auf, dass wenige Sexarbeiter*innen sich geschützt oder unterstützt fühlen, ganz im Gegenteil: Viele beschreiben, dass sie sich entmündigt, kontrolliert, stigmatisiert und kriminalisiert fühlen. Aufgrund dessen räumte die nordrhein-westfälische Gleichstellungsbeauftragte Ina Scharrenbach begründete Zweifel ein, ob das Gesetz seinem Schutzgedanken gerecht werden kann. Eine Evaluation auf Bundesebene ist für 2022 geplant. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es vorher noch schlimmer kommt.

Die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier hat kürzlich einen fraktionsübergreifenden Parlamentskreis „Prostitution überwinden“ gegründet. Nach der Sommerpause 2019 soll auf ein Sexkaufverbot hingearbeitet werden. Ein solcher Gesetzesentwurf darf mit breiter Unterstützung rechnen, sowohl von Links (Menschenrechte und Emanzipation) wie auch von Rechts (Sitte und Moral).

Es ist nicht einfach, die Debatte rund um das Sexkaufverbot, auch „Freierbestrafung“ genannt, zu durchblicken. Im Folgenden kommentiere ich zunächst 7 häufig genannte Argumente der Prostitutionsgegner*innen und mache dann einige Vorschläge, wie mit den Missständen, die zweifelsfrei mit Sexarbeit im Zusammenhang stehen, klüger und nachhaltiger umgegangen werden könnte.


Die Prostituierte“ wird genau auf der Schwelle zwischen dem Konkreten und dem Metaphorischen verortet, und
sie ist wie kaum eine andere Figur
einem willkürlichen Gebrauch ausgesetzt.“
Julia Bryan-Wilson

1. Sexarbeit ist mit Artikel 1 Grundgesetz (Achtung der Menschenwürde) unvereinbar.

Denn: Frauen verkaufen keine Dienstleistung, sondern sich selbst, weil ihr Körper und ihre Sexualität eng mit ihrer Identität verknüpft sind.

Menschenwürde, die allen gleichermaßen zukommt und nicht verletzt werden darf, ist eine hervorragende Idee. Deshalb kann sie aber noch lange keine Universalität für sich in Anspruch nehmen. Ich sehe nicht, wo der der Staat das Recht her nimmt, für mich zu entscheiden, ob und wodurch meine Würde angetastet wird. Ich möchte darüber selbst urteilen dürfen. Was die eigene Würde verletzt, basiert auf subjektivem Empfinden und ist von den Umständen abhängig (eine studierte Fachkraft mag es entwürdigend finden, für ihr finanzielles Auskommen auf die Kinder reicher Leute aufpassen zu müssen. Für die ausgebeutete Näherin aus Rumänien mag derselbe Job ihren Selbstrespekt wiederherstellen. Ähnlich ist es mit der Sexarbeit).

Es ist durchaus möglich, sexuelle Handlungen von der eigenen Identität zu lösen und gegen Geld anzubieten. Nicht alle Menschen empfinden in dieser Hinsicht gleich. Die Sexualisierung von Arbeit ist nicht gleichzusetzen mit Sexualität. Therapeut*innen können ja auch unterscheiden zwischen der Art des Mitgefühls mit Klienten und der Empathie gegenüber Freund*innen.

Ein besonders interessanter Vergleich: Die Philosophie-Professorin spricht öffentlich und gegen Geld von sehr intimen Dingen die eng mit ihrer Person zusammenhängen; zum Beispiel ihren Ansichten über Wert und Sinn des Lebens, Moral, Gefühle – alles Dinge, die Teil ihres Verständnisses der Welt und ihres Selbst sind. Unter anderem deshalb war Philosophie gegen Geld über lange Strecken unserer Geschichte hochgradig verpönt. Die Philosophin schreibt vielleicht Auftragsarbeiten für Bücher und Zeitschriften. Das tut sie unter anderem, um der Konsument*in Genuss und Befriedigung zu verschaffen. Nur wenn sie Glück hat und im richtigen Land lebt, ist sie frei in ihrer Meinungsäußerung, aber selbst dann ist sie einem gewissen Druck durch Gesellschaft, Arbeitgeber*in und Kolleg*innen ausgesetzt. Es mag so aussehen, als ob sie nicht intim berührt würde; aber vielleicht fühlt es sich für sie sowohl körperlich als auch intim an, wenn ungefragt – und ohne ihr Einverständnis – unsinnige Argumente in ihren Geist eindringen? Ist sie bei einer Universität angestellt, hat sie üblicherweise eine Menge Pflichten, die sie nur ungern erfüllt.

Die Tatsache, dass wir bei der Philosophin nicht auf die Idee kommen, dass sie ihren Körper und Geist verkauft, von sich entfremdet und damit ihre eigene Würde verletzt, sollte uns vorsichtig machen, wenn wir über Sexarbeit nachdenken.

Fast jede*r muss Geld für die Benutzung ihres Körpers, Lebenszeit und Lebenskraft nehmen, um zu überleben. Auch bei vielen anderen Berufen könnte man darüber diskutieren, ob die Würde angetastet wird, beispielsweise in Pflegeberufen, bei Reinigungskräften und anderen unterbezahlten Jobs und wo Menschen gegen ihre moralischen Überzeugungen handeln müssen. Schauspielern müssen die meisten Dienstleister*innen – oder glauben wir wirklich, dass das freundliche Lächeln der Tankstellenhilfe jederzeit authentisch ist?

Die Sexarbeiterin wird zu einem bestimmten Zweck in Anspruch genommen und nicht als ganzer Mensch wahrgenommen: Wie verwerflich! Wer von uns interessiert sich – ernsthaft – dafür, wie die Supermarktkassierer*in, die Steuerberater*in, die Taxifahrer*in sich im tiefsten Innern fühlt, während sie uns zu Diensten ist? Ist Sex ohne eine tiefe persönliche Beziehung immer verwerflich? Oder kann Sexualität ohne besondere Kenntnis des Gegenübers sogar wertvoll sein? Befähigt uns nicht gerade das Absehen von eigenen Bedürfnissen, uns auf die unseres Gegenübers einzustellen und eine gute Dienstleistung zu erbringen?
Ist Sex, der nicht „authentisch“, „natürlich“, spontan und unkontrollierbar entsteht, immer problematisch – und umgekehrt? Konsequent umgesetzt, würde diese Ansicht unsere romantischen und verbindlichen Beziehungen nicht unerheblich gefährden.

Haltungen und Moralvorstellungen können sich ändern: Vor zwei Jahrhunderten wurde der Tausch künstlerischer Talente wie Singen oder Schauspielerei gegen Geld als eine Form der Prostitution angesehen und entsprechend herabgesetzt. Das hing zum einen mit den Vorurteilen der Aristokratie gegenüber Lohnarbeiter*innen zusammen, zum anderen galt es als schändlich, seinen Körper Fremden zu präsentieren, insbesondere wenn es dabei um Gefühlsausdruck ging.

Heute denken wir anders darüber: Wir finden es richtig und angemessen, dass Talent und Kunstfertigkeit großzügig bezahlt werden, auch um den Künstler*innen genug Zeit zu geben, ihre Kunst und Fertigkeiten weiterzuentwickeln. Niemand spricht hier von Entfremdung oder Entwertung der Talente durch den Geldtransfer. Wir mögen das Unbehagen bezüglich Körpern und Leidenschaften heute als irrational ansehen, beeinflussen tut es uns offenbar dennoch – vor allem, wenn es um Frauen geht.

Es ist mit der Achtung der Menschenwürde gleichermaßen unvereinbar, wenn Einzelpersonen, Organisationen und Parteien über das Schicksal eines ganzen Berufsstandes entscheiden, ohne einen fruchtbaren Dialog mit den betroffenen Personen zu gestalten, ihnen die Urteilskraft absprechen, ihre Ansichten und Anliegen nicht ernst nehmen. Sie damit in eine hilflose Opferrolle zu drängen und zu ihrer Stigmatisierung beizutragen.


Ebenso unvereinbar ist es, von einer bestimmten Berufsgruppe, die hauptsächlich aus benachteiligten, marginalisierten Frauen besteht, die sehr oft darauf angewiesen sind, ihre Tätigkeit geheimzuhalten, zu verlangen, sich bei einer Behörde zu registrieren und einen „Hurenpass“ mit sich zu tragen. Wenn Personen die Kontrolle über ihren Körper genommen wird, zum Beispiel indem man sie zu Beratungsgesprächen und Untersuchungen zwingt.

In Deutschland gilt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, das vom Grundgesetz Artikel 1 abgeleitet wird. Jede*r hat das Recht, über ihre Sexualität frei zu bestimmen und vor Übergriffen und Sexualdelikten geschützt zu werden. Dazu gehört neben der Entkriminalisierung von Homosexualität und außerehelichem Geschlechtsverkehr, und der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe auch die freie Wahl der erwachsenen Sexualpartner und die Form der (sexuellen) Beziehungsgestaltung.

In Artikel 2, GG steht: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

In Artikel 12, GG steht: „(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“

2. Sexarbeit ist mit Menschenhandel und ausbeuterischen Verhältnissen untrennbar verflochten.

Menschenhandel, Zwangsprostitution, Förderung oder Ausnutzung sexueller Handlungen einer anderen Person, Nötigung und Vergewaltigung sind Straftatbestände. Es braucht kein Prostitutionsgesetz, um hier einzuschreiten. Die Vermischung von Sexarbeit, Migration und diversen Straftatbeständen wie Menschenhandel ist schlicht falsch (ein Schelm, wer vermutet, dass es hier um politische Instrumentalisierung oder darum, Spenden für NGOs einzuwerben).

Es liegt gewissermaßen in der Natur der Sache, dass sich verlässliche Zahlen über Menschenhandel und Prostitution schwer erheben lassen. Hinzu kommt, dass die Definition von Menschenhandel sehr komplex ist und in der Praxis kaum genutzt werden kann, um gegen Ausbeutung vorzugehen. Infolgedessen wissen wir eben sowenig, wie viel Prozent der Sexarbeiter*innen von Menschenhandel betroffen sind. Deshalb werden in den Medien gern absurd hohe Schätzungen verbreitet, die selten als solche ausgewiesen werden. Es wurde bisher keine Studie gefunden, die die immer wieder genannte Zahl von 80% oder 90% bestätigen würde. Auch die These, das liberale Prostitutionsgesetz von 2002 hätte diesen Prozentsatz drastisch erhöht, ist nicht haltbar. Laut den Statistiken des Bundeskriminalamts, sind die Zahlen der Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung zwischen 2005 und 2014 nicht signifikant gestiegen. In der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Volker Beck, Monika Lazar, Ekin Deligöz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zu den Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes auf die Entwicklung beim Menschenhandel heißt es wörtlich: „Das jährlich erstellte Lagebild des BKA weist keinen signifikanten Anstieg der Opferzahlen im Bereich des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung aus, der auf eine mit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes kausal verknüpfte Ausweitung des Phänomens hinweisen würde.“

Machen wir doch selbst eine einfache Schätzung: Oft wird von 400 000 Sexarbeiter*innen in Deutschland gesprochen, eine Zahl, die vermutlich aus den 80er Jahren stammt. Das Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung 2017 nennt 489 Opfer von Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung. Gehen wir von einer ähnlichen Dunkelziffer aus wie bei Vergewaltigen, wo nur 5% aufgeklärt werden, sind wir bei 9780 Opfern. Folglich könnten wir annehmen, dass nur etwa 2,5% aller Sexarbeiterinnen Opfer von Menschenhandel sind.

Menschenhandel ist nicht gleich Menschenschmuggel. Viele Menschen emigrieren durchaus freiwillig, weil sie sich in Deutschland bessere Einkommens- und Arbeitsverhältnisse erhoffen. Zum Teil werden sie nach ihrer Ankunft erpresst und ausgenutzt. Das ist jedoch nur möglich, weil ihnen die Abschiebung droht, wenn sie angezeigt werden oder selbst zur Polizei gehen.

Ein vorhandener Markt für sexuelle Dienstleistungen ist nicht der Grund für Menschenhandel. Gründe für Menschenhandel sind wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, die Menschen – vorwiegend Frauen – in menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse zwingen. Ausbeutung als Alleinstellungsmerkmal des Bereichs sexuelle Dienstleistungen zu betrachten, lenkt von den eigentlichen, komplexen Problemen ab: Die Zunahme von prekären Arbeitsbedingungen, insbesondere unter Migrant*innen vollzieht sich europaweit in allen Wirtschaftssegmenten. Wieso werden Arbeitsmigration und Ausbeutung in den Bereichen Pflege- und Care-Arbeit, Gebäudereinigung, Gütertransport, Gastronomie, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Fischerei und Seefahrt nicht derart öffentlichkeitswirksam angeprangert? Warum verlieren Männer, die ihre Körper in Kriegen ausbeuten lassen, nicht ihre Ehre? Es gibt keinen vernünftigen Grund für diese Ungleichbehandlung. Solche verwerfliche Doppelmoral wird von den voyeuristischen, teilweise nahezu pornografischen Bildern und Artikeln zum Thema Sexarbeit und Menschenhandel erfolgreich verschleiert.

3. Sexarbeit kann nicht freiwillig gewählt sein.

Denn: Sexarbeiter*innen bieten sich immer (oder zumindest in den allermeisten Fällen) entweder aus Angst vor Gewalt, aus finanziellen Nöten oder aufgrund einer krankhaften psychologischen Disposition an. Zufriedene und selbstbestimmte Sexarbeiter*innen sind entweder nicht repräsentativ, oder von Zuhältern bezahlt, oder nicht urteilsfähig (beispielsweise aufgrund einer verdrängten sexuellen Traumatisierung).

Hier wird häufig mit Empathie argumentiert: „Stellen Sie sich doch mal vor, Sie würden mit fremden Männern schlafen müssen. Dann wissen Sie, wie sich das anfühlt.“ Empathie wird gern als Tugend hingestellt; aber vorzugeben, zu wissen, wie sich jemand anders fühlt, ist übergriffig, respektlos und das Gegenteil von Anerkennung. Eine Diskussion auf Augenhöhe ist so nicht möglich. Empathie ist eine Technik, keine Tugend und schon gar keine Argumentationsgrundlage. Im Übrigen ist es nahezu unmöglich, sich in die Gefühle einer anderen Person wirklich hineinzuversetzen.

In einer kapitalistischen Gesellschaft ist Arbeit fast immer Zwang. Wie viele von uns wählen denn ihren Beruf freiwillig? Doch nur eine privilegierte, gut ausgebildete Minderheit. Die anderen nehmen, was sie kriegen können. Um den vagen Begriff Zwang sinnvoll zu erfassen, hilft das Bild eines Kontinuums: Zwischen den beiden Polen von absolutem Zwang und absoluter Freiheit gibt es ein Spektrum von mehr oder weniger akzeptablen Entscheidungsmöglichkeiten.

Die glückliche Hure, die ihrem Job aus reinem inneren Antrieb nachgeht, ist in der Tat die Ausnahme (und wenn sie es täte? Das Stehen zu freiwilliger Promiskuität und sexueller Devianz wird ihr wohl kaum zu mehr gesellschaftlichem Ansehen verhelfen). So wie in anderen Jobs auch, macht die Arbeit mal mehr, mal weniger Spaß. Wieso wird Kritik an Arbeitsbedingungen nur bei Sexarbeiter*innen als Wunsch gelesen, den Beruf zu wechseln? Wieso will niemand Menschen aus dem Gastronomiesektor retten? Die wenigsten von uns üben wohl einen Beruf aus, der ihnen tägliche vollumfängliche Erfüllung bringt. Wobei ich vermuten würde, dass mehr Sexarbeiter*innen Erfüllung und Selbstentfaltung in ihrem Job finden als Supermarktkassierer*innen.

Die Stilisierung der Sexarbeiterin als hilflosem Opfer spricht Millionen von Frauen ihre Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit ab und hilft langfristig niemandem. Auch Menschen mit wenigen Wahlmöglichkeiten kommt immer noch ein Subjektstatus zu. Wieso sprechen wir stattdessen nicht darüber, warum es keine besseren Berufsmöglichkeiten für Migrantinnen und Frauen mit niedrigem Bildungsstand gibt? Davon, dass offenbar viele Frauen die Sexarbeit dem entwürdigenden Dasein als HartzIV-Empfängerin vorziehen?

Wenn wir Sexarbeiter*innen nicht zutrauen, ihren eigenen Willen zu kennen und die für sie passenden Entscheidungen zu treffen, sollten wir vielleicht besser allen Frauen das Wahlrecht wieder absprechen?

4. Sexarbeit traumatisiert.

Denn: Frauen geben die Verfügungsgewalt über ihren Körper ab; ihre Kund*innen können mit ihnen tun, was sie wollen. Sie müssen ihren Widerwillen überwinden, um gefügig sein zu können. Sie erfahren Gewalt durch Kund*innen und Zuhälter.

Es macht einen Unterschied, ob Person A Person B unter bestimmten Umständen Zugang zu ihrem Körper in jederzeit widerrufbarer Form gewährt, oder für einen festgelegten Zeitraum, oder dauerhaft und unwiderruflich. Bei Letzterem spricht man von einem Geschenk oder (Ver)Kauf. Das Verschenken des eigenen Körpers ist meines Wissens nicht rechtsgültig, der Kauf oder Verkauf eines Menschen eine Straftat. In Deutschland ist erzwungene Arbeit illegal, deshalb können Menschen jederzeit von einem Arbeitsvertrag zurücktreten. Einverständnis muss nicht enthusiastisch sein, um gültig zu sein. Einverständnis und Lust sind nicht dasselbe. Sonst wären die meisten Formen bezahlter Arbeit nicht möglich.

Geldtransfer und Einverständnis sind nicht gleichzusetzen. Die Bezahlung ist einer von mehreren Faktoren, die die Bereitschaft zum Sex schaffen. Wellness-Masseur*innen vermieten ihren Körper und eine bestimmte, „begrenzte“ Form von sinnlicher Intimität und müssen sich in hohem Maße an den Wünschen ihrer Kund*innen orientieren. Wo ist der Unterschied zur Sexarbeiter*in? Ist es vernünftig, ihn als entscheidend anzusehen, oder wirken hier moralische Vorurteile: Frauen sollten nicht mit Fremden Sex haben und nur, wenn sie wirklich wollen? Was müssten wir noch alles verbieten, wenn wir diese Moralvorstellungen konsequent durchsetzen wollen?

An dieser Stelle wird oft angeführt, dass das Eindringen eines Fremden in den eigenen Körper den großen Unterschied macht. Solange der Penetration zugestimmt wurde, kann dieses Argument wohl kaum eine gesetzliche Regulierung stützen. Die Vorstellung mag nicht jederfraus Geschmack sein, sogar abstoßend – das macht die Handlung nicht an und für sich verwerflich oder schädlich. Falls doch, müsste das ja für jeden Sex gelten, der nicht ehelich oder romantisch motiviert ist?

Viele Sexarbeiter*innen bieten keine Penetration des eigenen Körpers an, zum Beispiel solche, die nur online arbeiten, Tänzerinnen und viele Dominas. Wieso gilt der leicht bekleidete, laszive Tanz eines Popstars als Kunst, die Stripteasetänzerin als traumatisiert oder sonstwie psychisch verdreht? Was ist mit Menschen, die Geld verdienen, indem sie sich für medizinische Studien zur Verfügung stellen?

Eine sexuelle Dienstleistung anzubieten bedeutet eigentlich nie, sich jemandem vollständig auszuliefern. Dem eigentlichen Akt geht ein Gespräch, mindestens eine knappe Verhandlung voraus über Dauer der gemeinsam verbrachten Zeit, Art der sexuellen Handlung und Preis. Werden die festgelegten Grenzen durch die Kund*in überschritten, spricht man von Nötigung oder Vergewaltigung – beides Straftaten. Allein die Stigmatisierung durch die Gesetzgebung, die Gesellschaft und die Polizei verhindert, dass Sexarbeiterinnen solche Fälle anzeigen. Übergriffige Kund*innen wissen das.

Ebendiese Stigmatisierung trägt womöglich mehr zur psychischen Belastung bei als die tatsächlichen Handlungen. Bestimmten Personen Würde und Respekt durch die eigene Gesellschaft zu verweigern, ist die wahre Menschenrechtsverletzung. Das Stigma wird von den Betroffenen übernommen und überträgt sich in eine Abwertung der eigenen Person. Wäre Sexarbeit ein ehrenvoller Beruf, sähe das vielleicht ganz anders aus. Auch Pflegekräfte müssen tagtäglich Handlungen ausführen, die bei den meisten Ekel und Widerwillen erzeugen, das auch noch unter Zeitdruck und bei schlechter Bezahlung. Sind sie davon traumatisiert? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, warum wird ihr Beruf nicht reguliert oder verboten? Was ist mit Schauspieler*innen, die gegen Bezahlung Liebesszenen spielen?

Viele Frauen sind direkt oder indirekt von Gewalt betroffen oder bedroht, nicht nur Sexarbeiter*innen (Männer übrigens mindestens in gleichem Maße). Partner und Ehemänner sind häufiger Täter als Kund*innen. Es gibt jedoch keine Petitionen gegen heterosexuelle Partnerschaften oder Ehen.

Weltweit geben Sexarbeiterinnen an, dass ihnen vonseiten der Polizei mehr Gewalt angetan wird als von Kund*innen: Erpresste sexuelle Handlungen, Zwangsoutings, sexualisierte Bemerkungen bei Razzien. Erhebungen des Internationalen Komitees für die Rechte von Sexarbeiter*innen in Europa (ICRSE) zeigten 2016, dass Gewalt durch Kund*innen viel seltener ist als Gewalt durch Lokalbetreiber*innen, Zuhälter*innen und Behörden. Umfassende Studien zur Gewaltprävalenz bei Sexarbeiter*innen fehlen.

Auffällig ist, dass sich dieser Diskurs nahezu ausschließlich um persönliche, direkte und körperliche Gewalt dreht. Indirekte, strukturelle und symbolische Gewalt bleiben in der Regel unerwähnt… Immer wieder prangern Abolitionist*innen Sexarbeit als „Gewaltsystem“ an, das es auszumerzen gilt, fordern damit aber im selben Atemzug bestimmte Formen von Gewaltanwendung, um Menschen daran zu hindern, ihrer Arbeit nachzugehen. Ein Feminismus, der es dem Staat überlässt, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen, ist für mich ein Widerspruch in sich.

„Trauma“ ist ein schwammiger Begriff. Es kann unterschiedlich ausgelöst werden und sich unterschiedlich äußern. Verlässliche Zahlen zur Traumatisierung von Sexarbeiter*innen fehlen. Selbst wenn Sexarbeiter*innen häufiger von Traumata betroffen sind als andere Frauen ist zu fragen, ob es sich dabei um Kausalität oder Korrelation handelt. Wie können wir wissen, ob das Trauma durch die sexuelle Dienstbarkeit ausgelöst wurde? Viele Sexarbeiter*innen hatten und haben kein einfaches Leben, leiden unter finanziellem Druck, werden aus der Gesellschaft ausgegrenzt, leben in einem fremden Land fern von ihrer Familie usw. Die Probleme, mit denen Sexarbeiter*innen konfrontiert sind, resultieren eher aus ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen als aus der Natur ihrer Arbeit.

Soldaten, Rettungskräfte, Notärzte und im Unglücksfall Zugführer, um nur einige zu nennen, sind in ihren Berufen enormem Stress und menschlichem Leid ausgesetzt. Für sie gibt es keine Sondergesetze. Andere risikoreiche Aktivitäten wie zum Beispiel Wettkampfboxen oder Free Climbing werden nicht reguliert oder verboten …

5. Es gibt gute und schlechte Sexarbeit.

Version A: Freiwillig und häufig nebenerwerblich tätige Sexarbeiter*innen mit guten Arbeitsbedingungen und geringem Stigma, deutsch und mit relativ hohem Bildungsstand: z.B. Escort, Edelbordelle, Erotikmassage vs. Sexarbeiter*innen mit schlechten Arbeitsbedingungen, hohem Stigma, finanziellem Druck oder anderen Zwängen, meist nicht deutsch, keine (oder in Deutschland nicht anerkannte) Ausbildung: z.B. Straßenstrich, Wohnwagen, Laufhäuser.

Version B: Sexarbeit zum reinen Gelderwerb oder vermeintlichen Vergnügen, ungeachtet der nahezu unausweichlichen Folgen für Körper und Psyche vs. professionalisierte und spezialisierte sinnliche Dienstleistungen im Sinne einer „gesunden“ und „guten“ sexuellen Kultur, z.B: Tantra-Massage, Sexualassistenz für Behinderte.

Bedeutet: „Die Hure“ ist nun nicht mehr allein das schwachsinnige oder degenerierte „gefallene Mädchen“, das Sittlichkeit und Ordnung gefährdet. Auch die Unterscheidung in „freiwillige“ und „unfreiwillige“ Sexarbeit (die ohnehin letzteren wenig nützte und die Stigmatisierung ersterer bestärkte) scheint überholt. Nein, stattdessen haben wir es nun gleich mit einer Handvoll Stereotypen zu tun: 1. die „Opfer“, die ihrem Schicksal nichts entgegenzusetzen haben und gerettet und geschützt werden müssen (unschuldig). 2. die „Feministinnen“, die Sexarbeit als Ausdruck ihrer sexuellen Selbstbestimmung verstehen und wahlweise a) vor sich selbst gerettet werden müssen, weil sie ihren kindlichen Missbrauch reinszenieren (unschuldig), b) anderen Frauen schaden, indem sie „toxische Maskulinität“ fördern und/oder Männern emotional beistehen, was diese nicht verdient haben (schuldig), oder c) die armen triebgesteuerten Männer finanziell ausbeuten (schuldig). 3. die „Heiligen“, die kostspielige Ausbildungen genossen haben und den Leidtragenden unserer gestörten Kultur ihre gesundheitsfördernden und heilsamen Dienste angedeihen lassen (unschuldig).

Alles Fiktionen, die sich zu kulturellen Mythen entwickelt haben und medienwirksam verbreiten lassen. In dem gleichermaßen faszinierten wie angeekelten Blick auf die mediale Darstellung von Sexarbeit zeigt sich eine tiefe Angst vor – insbesondere weiblicher – Sexualität. Aber so einfach ist das nicht. Nützlich schon gar nicht.

Die Spaltung hat Tradition: In dem Moment, als die Ehre der Frau an ihre Jungfräulichkeit gebunden wurde, brauchte es die „Anderen“, die „Schmutzigen“, die „Gefallenen“, um die männlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Bis heute wird die Nutte gern hergenommen, um die eigene Lebensweise als moralisch überlegen darzustellen. Melissa Gira Grant formuliert es so: „Wenn die Frau das andere Geschlecht sind, dann ist die Hure die andere des anderen Geschlechts.“
Aber ist die „brave Ehefrau“ wirklich besser dran, die ihre Sexualität gegen Dinge wie den Haussegen, finanzielle Sicherheit, Selbstwertgefühl oder Zuwendung eintauscht – oder sogar unerwünschten Sex ganz umsonst erduldet, weil das zu einer romantischen Beziehung eben dazugehört und von ihr erwartet wird? Oder die Single-Frau, die nicht nein sagt, weil Sex zu einem Tinder-Date eben dazugehört und von ihr erwartet wird?

Sexuelle Dienstleistungen sind vielfältig und ein Gesetz für alle wird keiner von ihnen gerecht. Trotzdem sind alle von derselben Gesetzgebung betroffen und den Gesetzgeber zu einer differenzierteren Wahrnehmung zu bewegen, ist vermutlich unmöglich. Es sieht nämlich sehr danach aus, als ob diejenigen, die mit dieser Aufgabe betraut sind, entweder eine andere Agenda verfolgen als sie vorgeben, oder sich mit der Realität nicht wirklich beschäftigen.

Es ist unbedingt notwendig, sich über die Diversität sexueller Berufe im Klaren zu sein, aber es ist nicht zielführend, wenn sich Sexarbeiterinnen in mehrere Lager aufteilen. Spaltung ist die größte Gefahr für jede emanzipatorische Bewegung. Wir brauchen Zusammenhalt und Solidarität, um politischen Einfluss zu gewinnen und gegen repressive Gesetze vorzugehen.

6. Sexarbeit verstärkt das problematische Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft und schadet allen Frauen.

Denn: Sexarbeiter*innen leben nicht ihre eigenen Fantasien aus, sondern bedienen und bestärken männliche Bedürfnisse. Sie stimulieren die Nachfrage nach käuflichem Sex und stiften andere Frauen zur Nachahmung ihres Verhaltens – mit oder ohne Bezahlung – an. Männer verinnerlichen die käufliche Frau als Normalität und behandeln andere Frauen auch so, als hätten sie Macht über sie und als hätten sie ein Recht auf ihre sexuelle Gefügigkeit.

In der Tat sind bestimmte Formen von Sexarbeit nur möglich, weil unsere Gesellschaft immer noch zu einem unerfreulichen Grad sexistisch ist. Vielleicht verstärken sie diesen Sexismus sogar. Ungleiche Machtverhältnisse, verinnerlichte Geschlechterstereotypen und alles, was damit zusammenhängt, wird jedoch nicht verschwinden, wenn wir Sexarbeit verbieten. (Wie steht es mit der Gleichstellung der Frau in Ländern, wo Prostitution verboten ist? Afghanistan zum Beispiel?) Im Gegenteil: Solche Maßnahmen verstärken den Sexismus, indem sie Männer abwerten, Frauen entmündigen und bevormunden und zum Stigma beitragen, das Sexarbeiter*innen das Leben schwermacht.

Zur Erinnerung: Das Stigma gegenüber Sexarbeiter*innen lässt sich zurückverfolgen zu moralischen Haltungen gegenüber und Angst vor weiblichem sexuellem Ausdruck. Die ersten Prostitutions-Gesetze in Deutschland betrafen Sexarbeiter*innen und alle anderen sexuell freizügigen Frauen gleichermaßen, denn außerehelicher Geschlechtsverkehr galt als Vorstufe zur Prostitution. Mit großer Besorgnis wurde beobachtet, dass die Emanzipation der Frau sich auch in ihrer sexuellen Emanzipation niederschlägt. Noch 1964 konstatierte Willi Bauer, Kriminal-Oberkommissar in Stuttgart: „Einer sittlich gesunden Frau wird es immer unmöglich sein […] sich den Männern ohne Aufforderung anzubieten. Bei einer normalen Frau ist es eine unumgängliche Voraussetzung ihrer Hingabebereitschaft und Hingabefähigkeit, dass der Mann vorher um sie geworben und ihre natürlichen Widerstände und Hemmungen überwunden hat. Anders bei der Dirne. […]

Sexarbeit und Ehe waren lange Zeit die beiden komplementären sozialen Praktiken in unserer Gesellschaft, die Männern erlauben, eine Frau in Besitz zu nehmen und das Recht auf Sexualität mit ihr zu erwerben. Sie sind gleichermaßen Ausdruck männlicher Dominanz. Ehefrauen wurden über hunderte von Jahren wie Vieh umhergereicht, um beispielsweise politische Bündnisse zu stärken. Sie waren gewissermaßen Eigentum und erheblich in ihrer Freiheit eingeschränkt. Bis 1962 durften Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes kein eigenes Bankkonto eröffnen, bis 1977 nicht ohne seine Zustimmung (gegen Geld) arbeiten. Die Institution Ehe war bis vor kurzem also nicht weniger entwürdigend und frauenverachtend als die Sexarbeit. Trotzdem wurde die Ehe nie verboten, sondern überarbeitet. Wandelt die Ehe sich langsam zu einer gleichberechtigten, vielleicht sogar zeitgemäßen und nützlichen Institution?

Könnte das für die Sexarbeit ebenso geschehen? Es soll Zeiten und Orte gegeben haben, wo Sexarbeiter*innen (die damals noch nicht so hießen, sondern Hetäre, Hierodule, Kurtisane, Mätresse, Konkubine, Liebesdame …) durchaus respektierte Personen waren, die sogar mehr Rechte und Freiheiten hatten als der Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung. Die Praxis des käuflichen Sex wurde immer wieder neu erfunden, „die Prostituierte“ übrigens, wie auch „der Homosexuelle“ erst im 19. Jahrhundert. Es brauchte eine Identitätskonstruktion, um Praktiken, die es schon viel länger gab als die Begriffe, pathologisieren und kriminalisieren zu können.
Ist es denkbar, dass sexuelle Dienstleistungen eines Tages als Teil einer anderen sexuellen Kultur nicht mehr darauf basieren, sexistische Ideen (z.B. die unterwürfige Rolle der Frau, den unersättlichen Trieb des Mannes) zu Geld zu machen?

Verstärken Ehefrauen, die ihre gesamte Zeit mit Ehemann, Haushalt und Kindererziehung verbringen – ohne Bezahlung, schließlich sollten Care-Arbeit, Kindererziehung und Sex nur aus echter Liebe heraus geleistet werden – das problematische Geschlechterverhältnis? Sollte das verboten werden? Wie ist es mit den Müttern, die Karriere machen und die Hausarbeit und Kinderbetreuung einer schlecht bezahlten Migrantin überlassen, die dafür wiederum ihre Familie in die Obhut eine unbezahlten Tante gibt?

Über Jahrtausende blieb den Frauen in Ermangelung von Handlungsfreiheit kaum anderes übrig, als ihre Klugheit und ihren Einfluss auf die Kinder, aber vor allem ihre körperliche Attraktivität und sexuelle Dienstfertigkeit zu nutzen. Nach wie vor verwenden die meisten Frauen einen erheblichen Teil ihres Geldes und ihrer Zeit darauf, sexuell attraktiv zu sein. Solange sie dafür nicht Geld oder Macht einfordern, ist das aus Sicht unserer Gesellschaft vollkommen unproblematisch. Dieses Rollenverhalten ist noch immer tief verwurzelt („Erotisches Kapital: Das Erfolgsrezept im Beruf! Jede kann es erlernen“). Das ungleiche Machtverhältnis der Geschlechter wird auf unzähligen Wegen reinszeniert und bestärkt, mal mehr, mal weniger subtil. Dies zu ändern und wahre sexuelle Selbstbestimmung zu realisieren, wird noch sehr lange dauern.

Männer, die eine weibliche Reinigungskraft beschäftigen erwarten üblicherweise nicht von allen Frauen, dass sie ihnen hinterherputzen. Sie können Dienstleistungsverhältnisse und private Beziehungen offenbar durchaus unterscheiden.

Entsteht ein Schaden aufgrund der öffentlichen Äußerungen von Frauen, die Sexualität als etwas darstellen, das Frauen zustößt und für sie tendenziell gefährlich ist?

7. Wir brauchen dringend ein Sexkaufverbot / die Freierbestrafung / das „Nordische Modell“

Denn: Sexarbeit ist Gewalt und sollte im besten Falle ganz abgeschafft werden.

2014 verabschiedete das EU-Parlament eine nicht bindende Resolution, die alle EU-Staaten auffordert, die Nachfrage nach Sexarbeit einzudämmen, indem sie die Freier bestrafen. Die Abgeordneten betonten, dass ihrer Ansicht nach auch freiwillige sexuelle Dienstleistungen die Menschenrechte und die Würde des Menschen verletzen.

Mary Honeyball, die die Resolution entworfen hat, findet, wir brauchen „einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.”

Ein Markt für sexuelle Dienstleistungen, der Anbieter*innen aus stigmatisierten und entmachteten sozialen Klassen rekrutiert, schlechte Rahmenbedingungen für informierte Einwilligung bereitstellt, die Gesundheit der Beteiligten gefährdet, und/oder schädliche Stereotypen von weiblichen und andersgeschlechtlichen Menschen verstärkt, ist fraglos von zweifelhaftem Wert. Wenn solche Bedingungen fortwährend bestehen, sollte ein Staat einschreiten. Jedoch nur unter der Bedingung, dass er damit nicht mehr Schaden als Nutzen hervorbringt.

Auf den ersten Blick mag es überzeugend klingen, nicht die Sexarbeiter*innen zu kriminalisieren, sondern diejenigen, die das System Sexarbeit unterstützen und davon profitieren. Bei genauem Hinsehen werden jedoch die desaströsen Folgen absehbar.

„Das Nordische Modell“ gibt es eigentlich nicht. Die Gesetzeslage ist in den einzelnen Ländern durchaus unterschiedlich. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen verschlechtern sich aber in der Regel durch ein solches Gesetz signifikant. Oftmals ist nicht mehr möglich, zum eigenen Schutz zusammen zu arbeiten. Gute Arbeitsplätze verschwinden. Sexarbeiter*innen nehmen den Schutz ihrer Kund*innen wichtiger als ihren eigenen. Alle Unterstützer*innen und Nutznießer*innen der Sexarbeiter*innen werden ebenfalls kriminalisiert: Eltern, Partner*innen und Kinder, Taxifahrer*innen, Vermieter*innen, Webdesigner*innen, Steuerberater*innen usw. Gleichzeitig verdient der Staat weiterhin an Steuereinnahmen und Geldstrafen. Wer ist also hier der Zuhälter?

Es ist fraglich, ob die Nachfrage nach käuflichem Sex dadurch sinken wird. Kund*innen werden in andere EU-Staaten reisen oder das Risiko einer Geldstrafe in Kauf nehmen. Und zwar vorwiegend diejenigen, die es mit Moral und Gesetzestreue nicht so genau nehmen – nicht gerade die angenehmsten Kund*innen. Ebenso fraglich ist, inwieweit sich die Zahl der Sexarbeiter*innen dadurch verringert, da ein erheblicher Teil von ihnen im Untergrund und damit unsichtbar arbeiten wird.

Die Stigmatisierung, die von Sexarbeiter*innen weltweit als die größte Belastung empfunden wird wird erheblich verstärkt. Mir erschließt sich nicht, wie die Isolierung dieser Menschen, der Entzug von Unterstützung durch Polizei und den Staat, die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen, die Verdrängung an den äußersten Rand der Gesellschaft zu einer Steigerung von Selbstrespekt und Würde führen soll. Frauen würden gleichermaßen auf ihren Körper und ihr Geschlecht reduziert wie durch Sexarbeit. Wenn das Anbieten und Kaufen sexueller Dienstleistung sich auf das Geschlechterverhältnis aller Menschen negativ auswirkt – was macht es dann mit unserer Haltung gegenüber sexuell freizügigen und devianten Frauen, wenn eine wesentliche Form sexueller Selbstbestimmung faktisch illegalisiert wird?

Was macht es mit unserem Männerbild und männlicher Identität, wenn männliches Begehren, das nicht selten mit einer gewissen Not einhergeht, stigmatisiert und kriminalisiert wird? Wohl kaum wird es dazu führen, dass Männer sich mit ihrer Sexualität und ihrem Frauenbild in einer fruchtbaren Art und Weise auseinandersetzen. Auch Männer werden nicht als solche geboren, sondern wachsen in unserer Kultur in einer bestimmten Art und Weise heran (die ihnen unter anderem beibringt, sie hätten einen geradezu unersättlichen Trieb, der nur durch Erektion – Penetration – Ejakulation wirklich befriedigt werden kann). Damit soll ihnen nicht die Verantwortung abgenommen werden. Aber es braucht mehr als Verbote, um die tiefsitzenden Folgen einer kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft – bei allen Geschlechtern – zu reflektieren und durch neue Konzepte und Narrative zu ersetzen. Um auf die Menschenwürde zurückzukommen: Niemand kann Selbstachtung entfalten, der nicht von anderen akzeptiert und respektiert worden ist. Selbstachtung und Selbstrespekt sind die Voraussetzung dafür, anderen mit Respekt und Empathie zu begegnen. Der Hass auf die Jahrtausende währende Gewaltgeschichte scheint mancherorts in blanken Männerhass umzuschlagen. Das Missverständnis und die Abwertung männlichen Begehrens ist womöglich die Keimzelle der Sexarbeit? Ob bestimmte ideologische Auswüchse des Feminismus wohl dazu beitragen, die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen zu steigern, während sie die Männer gleichzeitig am liebsten mit einem Sexverbot abstrafen wollen?

Wenn Sexarbeit so schlimm wäre und es angenehmere Optionen zum Gelderwerb gäbe, würde sie dann nicht von selbst verschwinden? Was passiert mit den Menschen, die von der Sexarbeit nicht mehr leben können, aber keine anderen Möglichkeiten haben?

Bedenklich erscheint mir weiterhin, dass Sexarbeitsgegner*innen, die sich vorgeblich für die Gleichberechtigung von Frauen und Menschenrechte einsetzen, leicht einen gemeinsamen Nenner mit konservativen Strömungen finden, die beispielsweise Einwände gegen unehelichen Sex und Einwanderung haben. Nach wie vor haben Menschen, die von der Geschlechtshierarchie viel halten, haben ein Interesse daran, Sexarbeit zu unterdrücken, denn sie sehen die sexuell aktive Frau als Gefahr sowohl für die männliche Kontrolle als auch für die Ehe und soziale Ordnung (ebendiese Gründe rechtfertigen andernorts die Verschleierung von Frauen und weibliche Genitalverstümmelung). Freilich darf sie nicht ganz verschwinden – Männer haben schließlich ein Recht auf Druckablass. Ein Sexkaufverbot wäre also durchaus in ihrem Sinne.

Honeyball und ihre „All Party Parliamentary Group on Prostitution and the Global Sex Trade“ werden beispielsweise von CARE, der „Christian Action Research and Education“ finanziert, die sich unter anderem auch gegen Abtreibung und LGBT-Rechte ausspricht.
Der Feminismus muss aufpassen, nicht für rechte Inhalte vereinnahmt zu werden. Wollen wir wirklich konservative Kräfte stärken, die uns vorschreiben wollen, welche Formen von Sexualität legitim sind und welche nicht?

Organisationen, die für die Rechte von Sexarbeiter*innen und die Entkriminalisierung von Sexarbeit kämpfen, solidarisieren sich hingegen oft mit Queer-Aktivist*innen, Gewerkschaften und Menschenrechtskämpfer*innen, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. Gegen Mary Honeyballs Resolution protestierten 560 NGOs, darunter die Deutsche Aids-Hilfe, der Deutsche Frauenrat und mehrere Hilfsorganisationen für die Opfer von Menschenhandel.

Angesichts der Tatsache, dass bereits acht Länder, namentlich Schweden, Norwegen, Island, Kanada, Nordirland, Irland, Frankreich und Israel die Freierbestrafung eingeführt haben, beklagt die EMMA im Juni 2019: „Deutschland wird immer einsamer mit seiner Pro-Prostitutions-Gesetzgebung.“ Angesichts eines weltweiten politischen Trends Richtung rechts eigentlich eine erfreuliche Tatsache. Was bringt unsere Politik dazu, diesem Trend zu folgen?

Verboten wären dann übrigens auch: Erotische Kunstaktionen und Performances, experimentelle sinnliche Events, Surrogatpartnerschaften und Sexualassistenz für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Hands-on-Workshops, in denen sinnliches Wissen und Know-How weitergegeben werden, Sexualcoachings und vieles mehr. Vermutlich auch Online-Beratungen wie bigsister.de, wo Einsteigerinnen und Profis Informationen für eine sichere und gesunde Arbeitsweise erhalten.

Was helfen könnte


To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.“
Buckminster Fuller

Ich könnte ewig so weiterschreiben. Vieles bleibt ungesagt, Argumente sind nicht sauber ausgeführt, Fragen noch offen. Eine angemessene Analyse würde sicherlich mehrere Bücher füllen und hoffentlich wird sie das eines Tages auch.

Bei aller Unvollständigkeit sind folgende Punkte für mich klar:

Nur Rechte schützen Sexarbeiter*innen.

Amnesty International und Human Rights Watch sehen nach gründlichen Forschungen die vollständige Entkriminalisierung als einzig akzeptable Lösung. (Amnesty International: „We reached this position by consulting a wide array of individuals and groups, including but not limited to: sex workers, survivor and abolitionist groups, HIV agencies, women’s and LGBTI rights activists, Indigenous women’s groups, anti-trafficking groups and leading academics. […] We spent more than two years gathering evidence through meetings with hundreds of individuals and organizations. We conducted first-hand research into the lived experience of sex workers under different national and legal contexts.“ Human Rights Watch „has conducted research on sex work around the world, including in Cambodia, China, Tanzania, the United States, and most recently, South Africa. The research, including extensive consultations with sex workers and organizations that work on the issue, has shaped the Human Rights Watch policy on sex work.“)

Damit ist die Abschaffung aller Gesetze gemeint, die Sexarbeit behindern oder kriminalisieren.

Amnesty International und Human Rights Watchfinden die Gesundheit, Sicherheit und Gleichberechtigung der Sexarbeiterinnen als wichtiger als moralische Einwände gegen die Natur der Sexarbeit. Die Kriminalisierung von Sexarbeit ist ihrer Ansicht nach nicht vereinbar mit dem Recht auf persönliche Autonomie und Privatsphäre. Sie fordern, dass sich die Gesetzgebung auf Ausbeutung, Missbrauch und Menschenhandel konzentriert und nicht darauf, Sexarbeiter*innen zu kriminalisieren und gefährden. Ihre Forschungen haben ergeben, dass Kriminalisierung zu vermehrter Belästigung, Erpressung und psychischem und physischem Missbrauch bis hin zu Vergewaltigungen durch Polizeibeamte führt. Sie macht es Sexarbeiter*innen unmöglich, Gerechtigkeit für Verbrechen einzufordern.

Amnesty International und Human Rights Watch legen den Regierungen nahe, Sexarbeiter*innen beim Entwurf von Gesetzen miteinzubeziehen, die ihre Leben und ihre Sicherheit betreffen. Ein Ende der Diskriminierung und Zugang zu Bildung und Arbeit für alle. Sie fordern Gesetze, die es ermöglichen, das Leben der Sexarbeiter*innen sicherer zu machen, sie vor Nötigung zu schützen und einen Ausstieg bei Bedarf zu ermöglichen. Nicht zuletzt können Sexarbeiter*innen eine wertvolle Informationsquelle für Menschenhandelsdelikte und Kinderprostitution sein – wenn sie Grund haben, der Polizei zu vertrauen.

Andere Gruppen, die sich für Dekriminalisierung einsetzen sind beispielsweise der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, die Weltgesundheitsorganisation, UNAIDS, International Labour Organization, Global Alliance Against Trafficking in Women, Global Network of Sex Work Projects, Global Commission on HIV and the Law, the Open Society Foundations und Anti-Slavery International.

Was es wirklich braucht, sind Rechte, die im Ernstfall erstritten werden können und die Sexarbeiterinnen die Möglichkeit geben, gegen schlechte Arbeitsbedingungen, Nötigung und Erpressung sowie Gewalt vorzugehen. Beratungsstellen. Ausstiegsstrategien. Soziale Ungleichheit ist eine Bedingung nicht nur für viele Varianten sexueller Dienstleistung, sondern auch für viele andere Missstände in unserer Gesellschaft. Hier müssen Lösungsansätze greifen. Nationen – und zwar alle – müssen genug Möglichkeiten für Frauen bieten, um für sich und ihre Familien ein Auskommen zu erwirtschaften. Solange die Sexarbeit die bessere Option ist hinsichtlich Flexibilität, Freizeit, Lukrativität, Arbeitsbedingungen usw., wird es sie geben. Legal oder Illegal.

Die öffentliche Diskussion muss anders geführt werden.

Diskussionen sind unfruchtbar, wenn mit Gefühlen statt mit Fakten argumentiert wird („Stellen sie sich doch nur mal vor, ihre Tochter würde das machen!“), wenn kein sachlicher Umgang mit der Meinung anderer möglich ist („Sie werden von Zuhältern bezahlt oder sind selbst einer!“), wenn sich Interessengruppen ein allgemeines moralisches Urteil anmaßen („Sexarbeit ist grundsätzlich und unter allen Umständen mit Vergewaltigung gleichzusetzen!“).

Der Konflikt um die Sexarbeit ist ein Paradebeispiel für eine Moralisierung der Politik, also die simple Einteilung in „gut“ und „böse“, die auch anderswo (zum Beispiel in der Klimadebatte) beobachtbar ist. Diese Tendenz ist gefährlich für unsere Demokratie, weil sie dazu führt, dass Argumente, Auseinandersetzungen, Aushandlungen und Abstimmungen (also der Kern der Demokratie) obsolet werden. Es reicht, das Böse in Form der Meinung der anderen zu bekämpfen und sich über deren offensichtliche böse Absichten zu entrüsten, mit dem angenehmen Nebeneffekt des ruhigen Gewissens und einem Gefühl der moralischen Überlegenheit. So werden Entscheidungsprozesse dem demokratischen Diskurs einfach entzogen.

Sowohl moralische Urteile als auch die Entwicklung kluger Lösungsstrategien erfordern eine gewisse Unparteilichkeit. Die ist beim Thema Sex selten gegeben. Eine vergewaltigte Frau wird eine andere Meinung haben als eine lesbische. Eine überzeugte Christin eine andere als eine polyamore. Die Beeinflussung durch die eigenen Gefühle ist aber genauso verwerflich wie das Verfolgen eigener ökonomischer Interessen.

Eine sachliche Debatte, die sich an Effizienz und Nützlichkeit orientiert, muss jedoch möglich sein. Dies erfordert einen Grad an Selbstreflexion und Informiertheit, die ich aktuell bei Sexarbeitsgegner*innen nicht feststellen kann. Ein Gesetzentwurf sollte sich meines Erachtens nicht auf gefühlte Realität, sondern auf wissenschaftlich erhobene Fakten stützen.

Das Thema Sexarbeit ist mit vielen komplexen und drängenden Fragen verknüpft: Frauen und Gleichberechtigung, Arbeit und gerechte Verhältnisse, Migration und Ausbeutung Benachteiligter, um nur einige zu nennen. Diese müssen von unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen Methoden angegangen werden. Es ist wichtig, die Sexarbeit nicht mit diesen Themen gleichzusetzen oder zu vermischen.

Einvernehmliche erwachsene Sexualität moralisch zu bewerten, bringt uns in Teufels Küche. Deshalb ist es wichtig, die Perspektiven der Menschen zu kennen, um die es geht. Wie fühlen sich die verschiedenen Varianten von sexueller Dienstleistung von innen kann? Wie kann man die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen wirklich verbessern?

Ein öffentlicher Diskurs, der Sexarbeiter*innen miteinbezieht, würde außerdem helfen, Mythen zu entkräften und Stigma abzubauen und zu erkennen, dass wir über echte Menschen reden, nicht über eine Projektionsfläche. Im Übrigen wäre es meines Erachtens überaus hilfreich, nicht nur über das zu sprechen, was wir nicht wollen, sondern auch über das, was wir uns stattdessen wünschen.

Wir müssen die richtigen Fragen stellen.

Ich denke, der Kern der Sache ist unser Verhältnis zur Sexualität. Möchten wir in einer Gesellschaft leben, die in dieser Hinsicht hochgradig ambivalent ist? In der es möglich ist, Menschen aufgrund ihrer Sexualität abzuwerten, auszugrenzen, zu bestrafen? In der Männer so aufwachsen, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, sich sexuelle Erlebnisse mit Geld zu ermöglichen, wenn es nicht anders geht und der Trieb es befiehlt? In der Menschen – teilweise in Serie – ermordet werden können, weil aufgrund ihres Sexuallebens und ihrer gesellschaftlichen Stellung die Aufklärung ihrer Fälle nicht ernsthaft betrieben wird?

In was für einer sexuellen Kultur wollen wir leben?

Was müssen wir tun, wofür müssen wir uns einsetzen, um eine menschenfreundliche, positive, kreative, lustvolle sexuelle Kultur zu erschaffen – falls es das ist, was wir wollen?

Sexarbeit ist kein Beruf wie jeder andere. Aber welcher ist das schon? Sind Bäcker*in, Richter*in, Astronaut*in und Balletttänzer*in miteinander vergleichbar?

Damit soll nicht gesagt werden, Sexarbeit sei harmlos. Sie ist ein anspruchsvoller Beruf, egal um welche Spielart es sich handelt. Dem sollte Rechnung getragen werden, indem kostenlose Beratungsangebote und kostengünstige Aus- und Fortbildungen entwickelt werden. Es gibt bereits strukturierte und fundierte Ausbildungen, beispielsweise für Dominas, Sexualbegleitung und Tantra-Massage, in denen auch über Ethik, Moral und sexuelle Mündigkeit nachgedacht wird. Vielleicht können diese als Vorbild dienen?

Sexarbeit ist eben sowenig ein voraussetzungsloser Beruf, der keine besonderen Fertigkeiten und Kenntnisse erfordert. Es stimmt nicht, dass Sex eine „natürliche“ Gegebenheit sei und automatisch funktioniere. Die Fähigkeit, mit den Gefühlen, dem Begehren und den unterschiedlichen Bedürfnissen fremder Menschen so umzugehen, dass ein erfreuliches Erlebnis dabei herauskommt, verdient Respekt. Emotionale, körperliche und sinnliche Großzügigkeit ebenso. Gut möglich, dass sexuelle Dienstleister*innen einen erheblichen Beitrag zur emotionalen Gesundheit in unserer Gesellschaft leisten. Erotische Kunstfertigkeit und sexuelle Intelligenz sind weder naturgegeben noch eine Selbstverständlichkeit. Es würde eigentlich viel Sinn machen, diesem Beruf mit Achtung zu begegnen. Was können wir von Sexarbeiter*innen lernen? (Das „Wheel of Consent“ beispielsweise, eine leicht erlernbare Praxis zur Erreichung sinnlichen Einverständnisses, das mittlerweile weltweit gelehrt wird, basiert auf Betty Martins jahrzehntelanger Erfahrung als sinnlicher Dienstleisterin)

Ich bin davon überzeugt, dass Sexarbeit auf Augenhöhe stattfinden und zu einer schöneren sexuellen Kultur beitragen kann. Das würde – meiner Meinung nach – zum Beispiel bedeuten, dass die wesentliche Frage nicht lautet: „Was kostest du?“, sondern: „Welche Art von Vergnügen können wir uns miteinander vorstellen?“. Dass sexuelle Dienstleistungen nicht vorwiegend zur Triebabfuhr genutzt werden, sondern einen Spielplatz für Erwachsene bieten, wo alle Menschen mit professioneller Unterstützung Sinnlichkeit in ihrer Vielfalt erleben und erlernen können.

Auf einer tieferen Ebene sollten wir uns fragen, ob unsere Ansichten und Überzeugungen die Sexualität betreffend, das Ergebnis von Vernunft oder Vorurteilen sind. Können sie überzeugend durch moralische Argumente gestützt werden? (Und wenn ja, sollte diese Form von moralischen Argumenten die Grundlage unserer Gesetzgebung sein?)

Dazu ein Gedankenspiel:
Stellen wir uns vor, wir hätten den Kapitalismus und das Patriarchat hinter uns gelassen, sogar das Tauschkonzept, und lebten in einer Schenkökonomie. Würde es immer noch Frauen geben, die sexuelle Dienstleistungen anbieten? Was würden wir über sie denken? Was würden wir über männliche Sexdienstleister denken?

Was tun?


“Es gibt leider keine Neutralität: Wer nicht gegen die Diskriminierung ist, ist für sie. Diese Indikatorfunktion macht mir meinen Job noch einmal mehr lieb. Er zeigt mir, auf wen Verlass ist. Denn wenn die Leute nicht mal für Respekt vor gesetzlich erlaubter Sexarbeit einstehen können, wie soll man dann von ihnen erwarten, dass sie gar den Rahmen des gesetzlich Erlaubten überschreiten, um mutig gegen eine Diktatur zu kämpfen? Wenn Menschen in einer Demokratie schon in vorauseilendem Konformismus das Privatleben anderer reglementieren wollen, wozu sind diese Menschen dann erst bereit in einem totalitären Regime?” Salomé Balthus

Erinnern wir uns: Wenn sich die politische Landschaft nach rechts bewegt, leiden als erstes die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Ein Blick auf die „Skala zur Erfassung von Vorurteilen in einer Gesellschaft in einer Unterscheidung der Diskriminierung nach Stufen“ von Gordon W. Allport zeigt, wie stark Vorurteile gegenüber Sexarbeiter*innen ausgeprägt sind. Vier Stufen von fünf sind bereits klar erkennbar: Verleumdung, Vermeidung, Diskriminierung, körperliche Gewaltanwendung. Es fehlt nur noch der letzte Schritt: Vernichtung. Wieviel Gewalt sind wir bereit, zu akzeptieren?

Wenn wir politischen und gesellschaftlichen Rückschritt verhindern wollen, ist es Zeit, Stellung zu beziehen und Haltung einzunehmen.

Ich empfehle:

* Sich informieren: Bücher und Zeitung lesen, eine eigene Meinung bilden.

* Auf dem Laufenden bleiben: Zum Beispiel mithilfe des Newsletters des BesD. Es wird sicherlich Petitionen und Gerichtsprozesse geben, bei denen Sexarbeiter*innen Unterstützung brauchen.

* Privat und öffentlich diskutieren, andere für das Thema sensibilisieren.

* Wählen gehen

Danke für eure Aufmerksamkeit.

Quellen und Weiterführendes

Claus-Steffen Mahnkopf: Philosophie des Orgasmus. Über das Schönste der Gefühle (2019)

Undine de Rivière: Mein Huren-Manifest. Inside Sex-Business (2018)

Ilan Stephani: Lieb und teuer. Was ich im Puff über das Leben gelernt habe (2017)

Melissa Gira Grant: Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit (2014)

Helga Armesberger: Sexarbeit. Arbeit – Ausbeutung – Gewalt gegen Frauen? Scheinbare Gewissheiten. (2017) – Ethik und Gesellschaft

Shrage, Laurie: Should Some Sex Markets Be Prohibited? Feminist Perspectives on Sex Markets. (Herbst 2016) – The Stanford Encyclopedia of Philosophy

Martha C. Nussbaum: „Whether From Reason Or Prejudice”. Taking Money For Bodily Services (Januar 1998) – Journal of Legal Studies, Vol. XXVII

Martha C. Nussbaum: Ignore the Stigma of Prostitution and Focus on the Need (2019) – New York Times

Mithu M. Sanyal: Liebe deinen Feminismus wie dich selbst – mein Vortrag beim Frauenstudien-kongress zur Zukunft (2019

Mithu M. Sanyal: Falsche Fakten über Prostitution (2018) – TA

Prostituiertenschutzgesetz.info

Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.: Das Prostituiertenschutzgesetz

Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.: Das Schwedische Modell kriminalisiert Millionen: Sexworker kämpfen international um ihre Rechte (2019)

Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.: Positionen

Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.: Strategien gegen Ausbeutung und Gewalt – Warum ein Sexkaufverbot vor allem migrantischen Sexarbeiter*innen schadet (2019

Sonja Dolinsek: Feministisches Manifest zur Unterstützung der Rechte von Sexarbeiter*innen (2016) – Menschenhandel Heut

Prostitution: Das „nordische Modell“ ist ein Mythos (2014) – Voice4SexWorkers

Catherine Murphy: Sex Workers’ Rights are Human Rights (2015) – Amnesty International

Amnesty International publishes policy and research on protection of sex workers’ rights (2016) – Amnesty International

Why Sex Work Should Be Decriminalized. Questions and Answers (2019) – Human Rights Watch

Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung 2017 – Bundeskriminalamt

Zahlen, Daten und Fakten (2014) – Menschenhandel Heute

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Monika Lazar, Ekin Deligöz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (2013) – Deutscher Bundestag

Entkriminalisierung: Amnesty International kritisiert geplantes Prostitutionsgesetz (2015) – Tagesspiegel

Melina Hassenkamp: Debatte über Prostitution SPD-Politikerinnen wollen Verbot von Sexerwerb nach schwedischem Vorbild (2019) – Spiegel Online

EMMA: Mainzer Erklärung gegen Prostitution (2019)

EMMA Ausgabe Juni 2019

Sexarbeits-Kongress. Prostituierte kritisieren Gesetzespläne der Koalition (2014) – Tagesspiegel

Streit um Prostitutionsgesetz. SPD-Frauen wollen Kauf von Sex komplett verbieten (2019) – Tagesspiegel

„An Sexarbeit werden Ansprüche gestellt wie an keinen anderen Beruf“ Interview mit Josefa Nereus (2019) – Magazin.HIV

Salomé Balthus: Sich verhalten. Moralische Prinzipien einer unmoralischen Frau (2019) – Welt

Hengameh Yaghoobifarah: Scheinheilig und voller Doppelmoral (2019) – TAZ

Patricia Hecht: Prostituiertenschutz ohne Wirkung. Sexarbeiterinnen in der Illegalität (2019) – TAZ

Marleen Laverte: Sexuelle Gewalt und Prostitution. Das Problem ist euer Bild von uns (2017) – TAZ

Leni Breymaier vs. Sonja Dolinsek Brauchen wir ein Sexkaufverbot? (2019) – Deutschlandfunk

Sonja Dolinsek: Sexarbeit: Fakt und Fiktion (2017)

What we talk about when we talk about Menschenhandel. Eines der ältestesten Frauen-Projekte Berlins gegen Menschenhandel über die Herausforderungen ihrer Arbeit (2019) – Missy Magazine

Pessi Mistress: Piss on the Cis (2019) – Missy Magazine

Kristina Marlen: Ideologisch gesund – warum Solidariät mit und unter Sexarbeiter*innen alternativlos ist (2017)

Pressemitteilung: Die Freier bestrafen, nicht die Prostituierten, fordert das Parlament (2014) – Europäisches Parlament

World of Whorecraft – Die Sexwork Messe

Hurenkongress in Berlin: Sexworker fordern Entkriminalisierung (2019) – KaufMich

Gegen die Scheinheiligkeit (2017) – Salomé Balthus Blog

Die Gesellschaft der Hetären. Escort für intelligente Menschen

Allport-Skala – Academic Dictionaries and Encyclopedias

Betty Martin: The Wheel of Consent

Konrad Paul Liessmann: Das Klima markiert die neue Gretchenfrage der Moral (2019) – NZZ

Ausbeutung: Zum Glück haben wir ‘ne Putzfrau! (2017) – Krautreporter

Prof. Dr. Micha Brumlik: Dass Auschwitz sich nie wiederhole… (2008) – Bundeszentrale für politische Bildung

Mely Kiyak: Bitte, bitte mehr Verbote! (2019)

(Alle Links zuletzt abgerufen am 12.9.2019)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.