Von Sinnen Sein. Philosophie und Erotik (Teil 1 von 3)

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

Die körperliche Liebe ist die allerinnigste Kommunikation, die man sich vorstellen kann.

Über intimen Körperkontakt lassen sich elementare Mitteilungen machen, Sprache übersetzt sich in Gebärde, bis die Gebärde Sprachcharakter hat . Ein Mensch kann auf einen anderen Menschen kaum stärker wirken als in einem Orgasmus. Das Teilen dieser existenziellen Handlung und das wechselseitige Beglücken bindet Menschen aneinander, wie es kaum eine andere gemeinsame Handlung vermag; es hilft uns, unsere vermeintliche Isolation zu überwinden und kann sogar ganze Freundschaftsnetzwerke stärken. Ergriffenheit, Hingabe, Kontrollverlust, ja, sogar der temporäre Verlust des eigenen Ichs sind sehnsuchtsbehaftete Zustände, die in der Innigkeit zweier oder mehrerer Körper verwirklicht werden können. Das Leben verkörpert sich in uns im erotischen Spiel, im Sehnen und Tasten, im Nähern und Zögern, im Ahnen und Glauben, im Schmecken, Stoßen und Sich-Weiten, harmlos oder riskant, beherzt oder behutsam, versessen, ergriffen, euphorisch.

Wirklich?

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

In den letzten hundert Jahren zeigt sich die körperliche Liebe immer weniger als Erotik und immer mehr als „Sex“. Die Erotik wird zur Dienerin des Sexes, der, gesäubert und oberflächlich, dafür Sorge trägt, dass die Beteiligten nicht allzu sehr in sich selbst und in ihr Gegenüber hineintauchen. Ein abgeflachter Modus der Innigkeit, eigentlich begleitete Lust an sich selbst; isoliert von menschlichen Bezügen, findet sie nicht zufällig ihren Platz in der vermeintlich intimsten Form menschlicher Bezogenheit: der „romantischen Beziehung“. Leibhafte Bedürfnisse werden maß- und kunstlos befriedigt. Solcherart abgespeist, bleibt die Gier präsent. Gleichzeitig zerstreut die übertriebene kulturelle Inszenierung des Sexes wirksamer als alle Repressionen das echte Begehren.

Wir leben in einer Kultur, die „Sex“ viel zu ernst nimmt – gleichzeitig nicht ernst genug. Es wird viel über ihn geredet, doch nicht genug von ihm gesprochen.
Was man sieht und hört vom Sex ist frustriert und stumm, frei von Poesie und Magie, Preisgabe und Aufrichtigkeit. Sex ist langweilig, ordinär, berechenbar und oft obszön. Die Lust bleibt ein rudimentärer Impuls und wird nicht besonders verfeinert.

Eine Flachheit des Erlebens greift um sich, gerade weil versucht wird, sexuellen Beziehungen Tiefe zu geben, indem man sie gefühlsmäßig auflädt und sie psychologisiert. Sex wird zu einer persönlichen Angelegenheit, ja sogar auf die persönliche Identität bezogen. Erotik ist kein Handeln mehr, sondern ein Zustand.
Das Begehren wird der Person zugeordnet, die hierin die Wahrheit ihres Seins zu entdecken hofft. Doch begegnet Mensch dort selten sich selbst, sondern zumeist Jedermanns Sehnen und Fürchten; nicht dem Persönlichsten, sondern dem Allgemeinsten. Eine Mehrheit hat sich offenbar auf diesen einen Sex geeinigt, der vor allem Geilheit und Ablenkung ist. Sie überführt ihr diffuses Fühlen in eine Sammlung von kalkulierbaren Reflexen, sie sucht keine Wirklichkeit und schafft keine. Die vormals Liebenden, Begehrenden, Erotiker sind zu Usern geworden, die vergessen haben, woher ihre Gefühle stammten, was sie waren und wollten.
Sind die Bedürfnisse der Leiber und Herzen so riskant, dass man sie in etwas verwandeln musste, das sie nicht sind, sondern Markt und Amüsement? Musste der Sex so werden, damit man besser mit ihm rechnen konnte?

Naheliegend.

Sex ist gefährlich.

Das wissen die Philosophen schon lange. Der Mensch, um ein gutes und redliches Leben zu führen, muss einen angemessenen Umgang mit seinen kreatürlichsten Impulsen finden, um ihre unergründliche und schwer zu unterdrückende Macht zu bändigen. Leider trennten die Philosophen im Zuge ihrer Überlegungen den Geist vom Körper und man könnte glauben, das so ein Unheil begann, dass die Menschen seither für ihr Schicksal halten.
Unsere Wirklichkeit ist zweigeteilt: Ein Riss geht durch das Selbst.
Die Vernunft wurde gegen das Körperliche ins Feld geführt; aus Verachtung gegenüber dem Physischen, also Verfallenden und Sterblichen; aus Angst vor der Degradierung des Menschen durch seine tierischen Wurzeln; aus Sorge, dass der Mensch durch die Instrumentalisierung seines Körpers seine Würde verlöre und in der Annahme, die Forderungen der sexuellen Impulse machten sie zu einer Gefahr für die Menschlichkeit und die Zivilisation.

So ist der Körper nurmehr dazu da, das Gehirn zu tragen.

Teil 2

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