Von Sinnen Sein. Philosophie und Erotik

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

Die körperliche Liebe ist die allerinnigste Kommunikation, die man sich vorstellen kann.

Über intimen Körperkontakt lassen sich elementare Mitteilungen machen, Sprache übersetzt sich in Gebärde, bis die Gebärde Sprachcharakter hat . Ein Mensch kann auf einen anderen Menschen kaum stärker wirken als in einem Orgasmus. Das Teilen dieser existenziellen Handlung und das wechselseitige Beglücken bindet Menschen aneinander, wie es kaum eine andere gemeinsame Handlung vermag; es hilft uns, unsere vermeintliche Isolation zu überwinden und kann sogar ganze Freundschaftsnetzwerke stärken. Ergriffenheit, Hingabe, Kontrollverlust, ja, sogar der temporäre Verlust des eigenen Ichs sind sehnsuchtsbehaftete Zustände, die in der Innigkeit zweier oder mehrerer Körper verwirklicht werden können. Das Leben verkörpert sich in uns im erotischen Spiel, im Sehnen und Tasten, im Nähern und Zögern, im Ahnen und Glauben, im Schmecken, Stoßen und Sich-Weiten, harmlos oder riskant, beherzt oder behutsam, versessen, ergriffen, euphorisch.

Wirklich?

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

In den letzten hundert Jahren zeigt sich die körperliche Liebe immer weniger als Erotik und immer mehr als „Sex“. Die Erotik wird zur Dienerin des Sexes, der, gesäubert und oberflächlich, dafür Sorge trägt, dass die Beteiligten nicht allzu sehr in sich selbst und in ihr Gegenüber hineintauchen. Ein abgeflachter Modus der Innigkeit, eigentlich begleitete Lust an sich selbst; isoliert von menschlichen Bezügen, findet sie nicht zufällig ihren Platz in der vermeintlich intimsten Form menschlicher Bezogenheit: der „romantischen Beziehung“. Körperliche Bedürfnisse werden, frei von Inspiration – wie im Affekt, befriedigt. Doch Bedürfnisse lassen sich so nicht einfach abspeisen, die Sehnsucht bleibt, viel fühlbarer jedoch die sich steigende Gier; angefeuert von allgegenwärtiger medialer Inszenierung des Sexes.

Wir leben in einer Kultur, die „Sex“ viel zu ernst nimmt – gleichzeitig nicht ernst genug. Es wird viel über ihn geredet, doch nicht genug von ihm gesprochen.
Was man sieht und hört vom Sex ist frustriert und stumm, frei von Poesie und Magie, Preisgabe und Aufrichtigkeit. Sex ist langweilig, ordinär, berechenbar und oft obszön. Die Lust bleibt ein rudimentärer Impuls und wird nicht besonders verfeinert.

Eine Flachheit des Erlebens greift um sich, gerade weil versucht wird, sexuellen Beziehungen Tiefe zu geben, indem man sie gefühlsmäßig auflädt und sie psychologisiert. Sex wird zu einer persönlichen Angelegenheit, ja sogar auf die persönliche Identität bezogen. Erotik ist kein Handeln mehr, sondern ein Zustand.
Das Begehren wird der Person zugeordnet, die hierin die Wahrheit ihres Seins zu entdecken hofft. Doch begegnet Mensch dort selten sich selbst, sondern zumeist Jedermanns Sehnen und Fürchten; nicht dem Persönlichsten, sondern dem Allgemeinsten. Eine Mehrheit hat sich offenbar auf diesen einen Sex geeinigt, der vor allem Geilheit und Ablenkung ist. Sie überführt ihr diffuses Fühlen in eine Sammlung von kalkulierbaren Reflexen, sie sucht keine Wirklichkeit und schafft keine. Die vormals Liebenden, Begehrenden, Erotiker sind zu Usern geworden, die vergessen haben, woher ihre Gefühle stammten, was sie waren und wollten.
Sind die Bedürfnisse der Leiber und Herzen so riskant, dass man sie in etwas verwandeln musste, das sie nicht sind, sondern Markt und Amüsement? Musste der Sex so werden, damit man besser mit ihm rechnen konnte?

Naheliegend.

Sex ist gefährlich.

Das wissen die Philosophen schon lange. Der Mensch, um ein gutes und redliches Leben zu führen, muss einen angemessenen Umgang mit seinen kreatürlichsten Impulsen finden, um ihre unergründliche und schwer zu unterdrückende Macht zu bändigen. Leider trennten die Philosophen im Zuge ihrer Überlegungen den Geist vom Körper und man könnte glauben, das so ein Unheil begann, dass die Menschen seither für ihr Schicksal halten.
Unsere Wirklichkeit ist zweigeteilt: Ein Riss geht durch das Selbst.
Die Vernunft wurde gegen das Körperliche ins Feld geführt; aus Verachtung gegenüber dem Physischen, also Verfallenden und Sterblichen; aus Angst vor der Degradierung des Menschen durch seine tierischen Wurzeln; aus Sorge, dass der Mensch durch die Instrumentalisierung seines Körpers seine Würde verlöre und in der Annahme, die Forderungen der sexuellen Impulse machten sie zu einer Gefahr für die Menschlichkeit und die Zivilisation.

So ist der Körper nurmehr dazu da, das Gehirn zu tragen.

Nun ist die Trennung in Körper und Geist, in Sinne und Gedanken, in Welt und Idee aber eine rein künstliche, keineswegs natürliche. Glaubt man der Evolutionstheorie und der Hirnforschung, so sind wir, ob es uns gefällt oder nicht, Tiere. Mehr noch: Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Unsere „Reptiliennatur“ und unsere „Säugetiernatur“ lassen sich in den Strukturen unseres Gehirns auffinden, welche zudem auf Engste mit denjenigen Gehirnarealen verknüpft sind, die unser „menschliches Bewusstsein“ konstituieren. Unser Nervensystem durchzieht unseren ganzen Körper, sodass sich unsere „Intelligenz“ womöglich nicht nur im Hirn verorten lässt. Wir sind nicht nur Rationalität, Logik und Gedanken, wir sind auch Fühlen, Instinkt, Intuition – und diese spielen sich zum großen Teil im Körper ab, gefüttert mit unzähligen Sinneseindrücken, die dieser Körper wahrnimmt. Ohne Anschauung kein Denken. Wir haben unseren Körper nicht, wir sind ein Körper – Sinnesorgane, Nerven, Drüsen, Herzschlag. Denken, Fühlen und Handeln bedingen und beeinflussen einander ständig. Ein überaktiver Geist verspannt den Körper, und sind wir physisch angespannt, sind wir es auch innerlich. (Sonst würden beispielsweise Massagen, Yoga und Saunabesuche nur die Hälfte ihrer Wirkung entfalten.)

Dass die Anerkennung unserer tierischen Natur, unserer Sterblichkeit, der Fragwürdigkeit unseres Konzeptes der „Person“ und eine gewisse, nicht zu unterschätzende Unkalkulierbarkeit zu allen Zeiten Unbehagen auslösen musste, ist nachvollziehbar.

Mit dem Christentum tritt die „Sünde“ auf den Plan und mit ihr Gebote, Verbote, „Sexualmoral“, Scham, Schuld, Sühne und das Geständnis. Das einzige Ziel der unsterblichen Seele soll sein, das Fleisch zu überwinden, zu verlassen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen.
Hier beginnt die heute omnipräsente Selbstbefragung, die später „Selbstreflexion“ heißt und nicht mehr auf dem Beichtstuhl, sondern in der Ratgeberliteratur, der Psychotherapie und in intimen Beziehungen ausgetragen wird.
Seit der Romantik gilt es im Westen als Zeichen von Individualität und Reife, seine seelischen Eingeweide stetig zu erforschen und zu hinterfragen.

Sexualität“ und „Psyche“ wurden im 18. Jahrhundert als Wissensgegenstände und Forschungsgebiete erfunden.

Begehren, Streicheln, Küssen, Eindringen, Empfindungen und biologische Funktionen werden zur künstlichen Einheit „Sex“ zusammengefasst; Gefühle und Erlebnisse zum seelischen Innenraum. In beiden werden obskure Kräfte vermutet, die ermittelt und entschlüsselt werden müssen, damit der Mensch sich selbst erkenne und unvorhersehbare Verhaltensweisen vermeide. Die Macht verlagert sich von der Herrschaft zur Selbsterkenntnis und Selbstregulation, die eng mit der Idee der Authentizität, des „wahren Selbstes“ verknüpft ist. Sexualität individualisiert sich. Sie wird zum maßgeblichen Faktor unserer Selbstvergewisserung und Selbstdefinition. Hier zeigt sich ein relativ junges Selbstkonzept: Die eigene Person als eine konstante Größe, deren Identität bestimmbar ist, sich durch eine Reihe von festgelegten Eigenschaften konstituiert und deren Handlungen ihre wesenhafte Einzigartigkeit authentisch ausdrücken soll. Folgerichtig werden sinnliche Begegnungen in der Regel als ursprüngliche Verbindung menschlicher Wesen gedeutet und die damit einhergehenden wahrhaftigen, höchstpersönlichen Gefühle in den Mittelpunkt gestellt.
Doch wo man so persönlich ist, ist man notwendigerweise allein.
Das Streben nach Erfüllung der eigenen Bedürfnisse, möglichst uneingeschränkt, ist langweilig und nicht besonders stilvoll. Wenn die Persönlichkeiten sich gegenseitig zu erfüllen versuchen, ohne sich selbst zu verleugnen, ohne ihren Anspruch auf „Persönlichkeit“ aufzugeben, ist der Versuch der Vereinigung zum Scheitern verurteilt.
Transparenz und Selbstentblößung als Zustand der Selbstvergewisserung sind Feinde der Freiheit, weil sie das Geheimnis und die Unberechenbarkeit des Lebens und des Menschen eliminieren.
Wenn Liebeshandlungen wahrhaftig und wertvoll sein sollen, dürfen sie weder selbstverständlich noch vorhersehbar sein. Es muss ein Moment der Unverfügbarkeit geben, vielleicht sogar das eines des glücklichen Zufalls.
Trunkenheit, Ekstase, Schwinden der Sinne sind nur möglich, wo wir hinter die unselige Geschichte des modernen „Subjekts“ zurückgehen. Einer Geschichte zwischen Untertänigkeit und Anmaßung, der Selbstverdopplung in Subjekt und Objekt sowie der Abgrenzung von der Welt.
Wo wir die eigene Person nicht mehr als mehr oder weniger konstante Größe und als Mittelpunkt der Welt erleben, sondern als fließenden Teil dieser Welt, der im Werden, im Prozess bleibt, um immer neue Verbindungen einzugehen, die nicht den normativ vorgegebenen, starren Beziehungsformen entsprechen. Ende der Selbstanalyse. Eine Identität im Sinne des Fließgleichgewichts, das dasselbe nur ist, indem es immer wieder ein Anderes ist.
„Psyche“ heißt ursprünglich „Lebendigkeit“.
So konfrontieren wir uns mit den Unwägbarkeiten des Schicksals und lassen uns ergreifen vom Geheimnis des Anderen.

Sex ist immer noch gefährlich.

In sexpositiven Subkulturen wird die Macht des Sexes heute überwiegend positiv bewertet: Man meint, sich selbst in seinem wahren Wesen zu erkennen und seine „Lebenskraft ganz in Besitz zu nehmen“ wenn man „seine sexuelle Kreaft vollkommen annehmen und leben“ kann.
Auch außerhalb sexueller Subkulturen dominiert die These, unsere Sexualität sei „befreit“. Wir dürfen aber nicht meinen, wir bewegten uns außerhalb von restriktiven Machtverhältnissen, nur weil wir den Sex bejahen und ausleben. Sie haben ihn ja erst so außerordentlich begehrenswert und bedeutungsschwanger konstituiert.

In einer ironischen Kultur, die nichts meint und nichts will, entzündet sich das Unbehagen angesichts der Wirksamkeit körperlichen Liebens an anderer Stelle: Bei allem Streben nach Authentizität scheuen wir doch vor wahrer Entblößung, vor Hingabe, Bindung, Öffnung und damit einhergehender Verletzlichkeit zurück.
Doch genau hier liegt die positive Kraft der geteilten Körperfreuden, nämlich dann, wenn wir uns als Handelnde betrachten, die den Körper nicht zum Zwecke der Lust gebrauchen, während wir gleichzeitig Intimität zu vermeiden versuchen, sondern Lust aktiv gestalten und ihre unvermeidlichen hormonellen und gefühlsmäßigen Folgen nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern sie einbinden in ein freudvolles und freundschaftliches Leben.

Handeln heißt immer Wirken, Schöpfung, Anfang.

Deswegen ist gutes sinnliches Handeln voraussetzungsreich. Wir brauchen sowohl den Mut zur Ergriffenheit und Entgrenzung, als auch Behutsamkeit und Besonnenheit. Stil im Sich Nähern und im Vollzug. Selbstvergessenheit und Anerkennung des Fremden. Freiheit von den Konventionen der Wahrnehmung. Die Fähigkeit des Ausdrucks und des Verstehens von Unausgesprochenem. Lust am Spiel: Eine Freude am ergebnisoffenen Umwerben, Verführen, an Reibung, Widerstand, Hingabe. Auch im musikalischen Sinne: Sequenz der Momente, Tonfolgen von Berührungen, Dissonanz und Resonanz. Lautmalerei. Komplizen sein wollen. Den Aggregatzustand wechseln können. Kunstfertigkeit und Originalität im Gestalten von Bewegung und Ruhe, im Schüren des Feuers, darin, wie sich das Leben in uns auswirkt. Inständigkeit des Blicks.

Vollständige Anerkennung der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit, die mit intimen Begegnungen einhergehen können.

Dabei geht es nicht um Ethik, um das Anwenden von Prinzipien und Regeln moralischen Verhaltens auf Situationen, sondern um Sittlichkeit, verstanden als eine Form von Sensibilität und Wachheit, verfeinerter Intuition und Involviertheit in die Situation; die Bereitschaft, sich ihr auszusetzen und seinen eigenen Handlungsstil zu verfeinern.

Dem Fehlen von Moral und Ethik kann eine Form von Lebenskunst antworten, die nicht nur die Trennung von Körper und Geist aufhebt, sondern auch die Abspaltung der „Sexualität“ vom restlichen Leben. So wie Essen, Schlafen und das Gestalten von Beziehungen wird die Sexualität zu einem Teil unseres Lebensstroms, in dem alles mit allem zusammenfließt. Und so wie in allen anderen Bereiche unseres Lebens auch, orientieren wir uns im Umgang mit Verlangen, Lust, Innigkeit und Preisgabe am Schönen, Freien und Freundschaftlichen.

Das Wissen, das wir so erwerben, wird zurückgewendet auf die Praxis, auf den Umgang mit den Lüsten. Die Gesten und Gebärden, die Berührungen, die Freuden der Liebe und die sinnlichen Genüsse werden im Hinblick auf die ihnen innewohnenden Intensitäten und Qualitäten gesehen, deren verfeinerte Wahrnehmung und Anwendung. Hinsichtlich ihrer Anwendung geht es um Fragen des rechten Moments, des rechten Orts, des rechten Partners, der Umstände, des Verhaltens und der Rolle, die diese Art von Vergnügungen im eigenen Leben spielen soll.

So ergeben sich Verhaltensweisen, die bestimmte Werte erschaffen und bekunden.

Die Kraft des Begehrens erzeugt Fluchtlinien des Anderswerdens, die sich den normalisierenden Strukturen entziehen oder sie umformen können, sodass neue Lebensformen und Netzwerke entstehen können, die ihre eigenen Praktiken entwickeln.

Damit gestalten wir eine Lebensart, die der Freiheit eine Form gibt, sie stilisiert. Stil ist keine triviale Angelegenheit. Er beinhaltet alle Praktiken, die dazu dienen, sich selbst und die Welt um uns herum zu formen. Hier geht es um nichts weniger, als eine andere, freiere Form des Selbsts – die Konstituierung des Selbstes als Arbeiter an der Schönheit des eigenen Lebens – und der Gemeinschaft zu erschaffen.

Erotik, Begehren und Lust durchziehen nicht nur uns selbst, sondern auch unsere gemeinschaftlich organisierte Kultur und sind Teil einer Vielzahl von Möglichkeiten, ein gemeinsames Leben einzurichten.

Ein inständiges Leben.

Der Philosoph ist ein Erotiker

Die Philosophie ist erotisch von Natur aus und macht womöglich als Wissenskunst (ähnlich der erotischen Kunst) eine bessere Figur als als Wissenschaft.

Nicht cogito, sondern existo.

Das „Begehren“ ist zusammengeschrumpft zum sexuellen Begehren. Als Grundmoment menschlicher Weltbeziehung ist es aber zunächst ungerichtet und tritt als Entdeckerfreude und Lebenslust auf. Begehren ist sowohl geistiger wie leiblicher Grundstoff und muss sich nicht zwangsläufig in Leibliches übersetzen. Es kann ebenso ein Verlangen nach dem Schönen, nach Wahrheit oder Erkenntnis sein. Verlangen nach Zeugung, Schöpfung und Niederkunft im Wissen, nach Hervorbringung von Gedanken und Worten.

Das Wort ist sowohl sinnlich erfahrbar wie von geistiger Qualität und es gibt ein Glück des Denkens, das durch andere Glückszustände nicht ersetzbar ist.

Fühlen ist auch dann besser, wenn es intelligent gefühlt wird.

Inspiriert durch

Michel Foucault – Sexualität und Wahrheit
Roger Willemsen – Kleine Lichter
Hans-Joachim Störig – Kleine Weltgeschichte der Philosophie
Peter Levine – In an Unspoken Voice: How the Body Releases Trauma and Restores Goodness
Bruno Müller-Oerlinghausen und Gabriele Mariell Kiebgis – Berührung. Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt
Julio Lambing – Ars Armatoria (unveröffentlichtes Manuskript)
Robert Lehmann – Kontingenz und Sinnlichkeit (unveröffentlichtes Manuskript)
Hannah Arendt – Vita Activa
www.der-dritte-ort.org

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