Von Sinnen Sein. Philosophie und Erotik (Teil 2 von 3)

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

Teil 1

Nun ist die Trennung in Körper und Geist, in Sinne und Gedanken, in Welt und Idee aber eine rein künstliche, keineswegs natürliche. Glaubt man der Evolutionstheorie und der Hirnforschung, so sind wir, ob es uns gefällt oder nicht, Tiere. Mehr noch: Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Unsere „Reptiliennatur“ und unsere „Säugetiernatur“ lassen sich in den Strukturen unseres Gehirns auffinden, welche zudem auf Engste mit denjenigen Gehirnarealen verknüpft sind, die unser „menschliches Bewusstsein“ konstituieren. Unser Nervensystem durchzieht unseren ganzen Körper, sodass sich unsere „Intelligenz“ womöglich nicht nur im Hirn verorten lässt. Wir sind nicht nur Rationalität, Logik und Gedanken, wir sind auch Fühlen, Instinkt, Intuition – und diese spielen sich zum großen Teil im Körper ab, gefüttert mit unzähligen Sinneseindrücken, die dieser Körper wahrnimmt. Ohne Anschauung kein Denken. Wir haben unseren Körper nicht, wir sind ein Körper – Sinnesorgane, Nerven, Drüsen, Herzschlag. Denken, Fühlen und Handeln bedingen und beeinflussen einander ständig. Ein überaktiver Geist verspannt den Körper, und sind wir physisch angespannt, sind wir es auch innerlich. (Sonst würden beispielsweise Massagen, Yoga und Saunabesuche nur die Hälfte ihrer Wirkung entfalten.)

Dass die Anerkennung unserer tierischen Natur, unserer Sterblichkeit, der Fragwürdigkeit unseres Konzeptes der „Person“ und eine gewisse, nicht zu unterschätzende Unkalkulierbarkeit zu allen Zeiten Unbehagen auslösen musste, ist nachvollziehbar.

Mit dem Christentum tritt die „Sünde“ auf den Plan und mit ihr Gebote, Verbote, „Sexualmoral“, Scham, Schuld, Sühne und das Geständnis. Das einzige Ziel der unsterblichen Seele soll sein, das Fleisch zu überwinden, zu verlassen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen.
Hier beginnt die heute omnipräsente Selbstbefragung, die später „Selbstreflexion“ heißt und nicht mehr auf dem Beichtstuhl, sondern in der Ratgeberliteratur, der Psychotherapie und in intimen Beziehungen ausgetragen wird.
Seit der Romantik gilt es im Westen als Zeichen von Individualität und Reife, seine seelischen Eingeweide stetig zu erforschen und zu hinterfragen.

Sexualität“ und „Psyche“ wurden im 18. Jahrhundert als Wissensgegenstände und Forschungsgebiete erfunden.

Begehren, Streicheln, Küssen, Eindringen, Empfindungen und biologische Funktionen werden zur künstlichen Einheit „Sex“ zusammengefasst; Gefühle und Erlebnisse zum seelischen Innenraum. In beiden werden obskure Kräfte vermutet, die ermittelt und entschlüsselt werden müssen, damit der Mensch sich selbst erkenne und unvorhersehbare Verhaltensweisen vermeide. Die Macht verlagert sich von der Herrschaft zur Selbsterkenntnis und Selbstregulation, die eng mit der Idee der Authentizität, des „wahren Selbstes“ verknüpft ist. Sexualität individualisiert sich. Sie wird zum maßgeblichen Faktor unserer Selbstvergewisserung und Selbstdefinition. Hier zeigt sich ein relativ junges Selbstkonzept: Die eigene Person als eine konstante Größe, deren Identität bestimmbar ist, sich durch eine Reihe von festgelegten Eigenschaften konstituiert und deren Handlungen ihre wesenhafte Einzigartigkeit authentisch ausdrücken soll. Folgerichtig werden sinnliche Begegnungen in der Regel als ursprüngliche Verbindung menschlicher Wesen gedeutet und die damit einhergehenden wahrhaftigen, höchstpersönlichen Gefühle in den Mittelpunkt gestellt.
Doch wo man so persönlich ist, ist man notwendigerweise allein.
Das Streben nach Erfüllung der eigenen Bedürfnisse, möglichst uneingeschränkt, ist langweilig und nicht besonders stilvoll. Wenn die Persönlichkeiten sich gegenseitig zu erfüllen versuchen, ohne sich selbst zu verleugnen, ohne ihren Anspruch auf „Persönlichkeit“ aufzugeben, ist der Versuch der Vereinigung zum Scheitern verurteilt.
Transparenz und Selbstentblößung als Zustand der Selbstvergewisserung sind Feinde der Freiheit, weil sie das Geheimnis und die Unberechenbarkeit des Lebens und des Menschen eliminieren.
Wenn Liebeshandlungen wahrhaftig und wertvoll sein sollen, dürfen sie weder selbstverständlich noch vorhersehbar sein. Es muss ein Moment der Unverfügbarkeit geben, vielleicht sogar das eines des glücklichen Zufalls.
Trunkenheit, Ekstase, Schwinden der Sinne sind nur möglich, wo wir hinter die unselige Geschichte des modernen „Subjekts“ zurückgehen. Einer Geschichte zwischen Untertänigkeit und Anmaßung, der Selbstverdopplung in Subjekt und Objekt sowie der Abgrenzung von der Welt.
Wo wir die eigene Person nicht mehr als mehr oder weniger konstante Größe und als Mittelpunkt der Welt erleben, sondern als fließenden Teil dieser Welt, der im Werden, im Prozess bleibt, um immer neue Verbindungen einzugehen, die nicht den normativ vorgegebenen, starren Beziehungsformen entsprechen. Ende der Selbstanalyse. Eine Identität im Sinne des Fließgleichgewichts, das dasselbe nur ist, indem es immer wieder ein Anderes ist.
„Psyche“ heißt ursprünglich „Lebendigkeit“.
So konfrontieren wir uns mit den Unwägbarkeiten des Schicksals und lassen uns ergreifen vom Geheimnis des Anderen.

Sex ist immer noch gefährlich.

In sexpositiven Subkulturen wird die Macht des Sexes heute überwiegend positiv bewertet: Man meint, sich selbst in seinem wahren Wesen zu erkennen und seine „Lebenskraft ganz in Besitz zu nehmen“ wenn man „seine sexuelle Kreaft vollkommen annehmen und leben“ kann.
Auch außerhalb sexueller Subkulturen dominiert die These, unsere Sexualität sei „befreit“. Wir dürfen aber nicht meinen, wir bewegten uns außerhalb von restriktiven Machtverhältnissen, nur weil wir den Sex bejahen und ausleben. Sie haben ihn ja erst so außerordentlich begehrenswert und bedeutungsschwanger konstituiert.

In einer ironischen Kultur, die nichts meint und nichts will, entzündet sich das Unbehagen angesichts der Wirksamkeit körperlichen Liebens an anderer Stelle: Bei allem Streben nach Authentizität scheuen wir doch vor wahrer Entblößung, vor Hingabe, Bindung, Öffnung und damit einhergehender Verletzlichkeit zurück.
Doch genau hier liegt die positive Kraft der geteilten Körperfreuden, nämlich dann, wenn wir uns als Handelnde betrachten, die den Körper nicht zum Zwecke der Lust gebrauchen, während wir gleichzeitig Intimität zu vermeiden versuchen, sondern Lust aktiv gestalten und ihre unvermeidlichen hormonellen und gefühlsmäßigen Folgen nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern sie einbinden in ein freudvolles und freundschaftliches Leben.

Teil 3

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