Von Sinnen Sein. Philosophie und Erotik (Teil 3 von 3)

In welchem Habitus vollziehen wir den Akt des Sich-her-Schenkens? Und Warum?

Teil 2

Handeln heißt immer Wirken, Schöpfung, Anfang.

Deswegen ist gutes sinnliches Handeln voraussetzungsreich. Wir brauchen sowohl den Mut zur Ergriffenheit und Entgrenzung, als auch Behutsamkeit und Besonnenheit. Stil im Sich Nähern und im Vollzug. Selbstvergessenheit und Anerkennung des Fremden. Freiheit von den Konventionen der Wahrnehmung. Die Fähigkeit des Ausdrucks und des Verstehens von Unausgesprochenem. Lust am Spiel: Eine Freude am ergebnisoffenen Umwerben, Verführen, an Reibung, Widerstand, Hingabe. Auch im musikalischen Sinne: Sequenz der Momente, Tonfolgen von Berührungen, Dissonanz und Resonanz. Lautmalerei. Komplizen sein wollen. Den Aggregatzustand wechseln können. Kunstfertigkeit und Originalität im Gestalten von Bewegung und Ruhe, im Schüren des Feuers, darin, wie sich das Leben in uns auswirkt. Inständigkeit des Blicks.

Vollständige Anerkennung der Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit, die mit intimen Begegnungen einhergehen können.

Dabei geht es nicht um Ethik, um das Anwenden von Prinzipien und Regeln moralischen Verhaltens auf Situationen, sondern um Sittlichkeit, verstanden als eine Form von Sensibilität und Wachheit, verfeinerter Intuition und Involviertheit in die Situation; die Bereitschaft, sich ihr auszusetzen und seinen eigenen Handlungsstil zu verfeinern.

Dem Fehlen von Moral und Ethik kann eine Form von Lebenskunst antworten, die nicht nur die Trennung von Körper und Geist aufhebt, sondern auch die Abspaltung der „Sexualität“ vom restlichen Leben. So wie Essen, Schlafen und das Gestalten von Beziehungen wird die Sexualität zu einem Teil unseres Lebensstroms, in dem alles mit allem zusammenfließt. Und so wie in allen anderen Bereiche unseres Lebens auch, orientieren wir uns im Umgang mit Verlangen, Lust, Innigkeit und Preisgabe am Schönen, Freien und Freundschaftlichen.

Das Wissen, das wir so erwerben, wird zurückgewendet auf die Praxis, auf den Umgang mit den Lüsten. Die Gesten und Gebärden, die Berührungen, die Freuden der Liebe und die sinnlichen Genüsse werden im Hinblick auf die ihnen innewohnenden Intensitäten und Qualitäten gesehen, deren verfeinerte Wahrnehmung und Anwendung. Hinsichtlich ihrer Anwendung geht es um Fragen des rechten Moments, des rechten Orts, des rechten Partners, der Umstände, des Verhaltens und der Rolle, die diese Art von Vergnügungen im eigenen Leben spielen soll.

So ergeben sich Verhaltensweisen, die bestimmte Werte erschaffen und bekunden.

Die Kraft des Begehrens erzeugt Fluchtlinien des Anderswerdens, die sich den normalisierenden Strukturen entziehen oder sie umformen können, sodass neue Lebensformen und Netzwerke entstehen können, die ihre eigenen Praktiken entwickeln.

Damit gestalten wir eine Lebensart, die der Freiheit eine Form gibt, sie stilisiert. Stil ist keine triviale Angelegenheit. Er beinhaltet alle Praktiken, die dazu dienen, sich selbst und die Welt um uns herum zu formen. Hier geht es um nichts weniger, als eine andere, freiere Form des Selbsts – die Konstituierung des Selbstes als Arbeiter an der Schönheit des eigenen Lebens – und der Gemeinschaft zu erschaffen.

Erotik, Begehren und Lust durchziehen nicht nur uns selbst, sondern auch unsere gemeinschaftlich organisierte Kultur und sind Teil einer Vielzahl von Möglichkeiten, ein gemeinsames Leben einzurichten.

Ein inständiges Leben.

Der Philosoph ist ein Erotiker

Die Philosophie ist erotisch von Natur aus und macht womöglich als Wissenskunst (ähnlich der erotischen Kunst) eine bessere Figur als als Wissenschaft.

Nicht cogito, sondern existo.

Das „Begehren“ ist zusammengeschrumpft zum sexuellen Begehren. Als Grundmoment menschlicher Weltbeziehung ist es aber zunächst ungerichtet und tritt als Entdeckerfreude und Lebenslust auf. Begehren ist sowohl geistiger wie leiblicher Grundstoff und muss sich nicht zwangsläufig in Leibliches übersetzen. Es kann ebenso ein Verlangen nach dem Schönen, nach Wahrheit oder Erkenntnis sein. Verlangen nach Zeugung, Schöpfung und Niederkunft im Wissen, nach Hervorbringung von Gedanken und Worten.

Das Wort ist sowohl sinnlich erfahrbar wie von geistiger Qualität und es gibt ein Glück des Denkens, das durch andere Glückszustände nicht ersetzbar ist.

Fühlen ist auch dann besser, wenn es intelligent gefühlt wird.

Inspiriert durch

Michel Foucault – Sexualität und Wahrheit
Roger Willemsen – Kleine Lichter
Hans-Joachim Störig – Kleine Weltgeschichte der Philosophie
Peter Levine – In an Unspoken Voice: How the Body Releases Trauma and Restores Goodness
Bruno Müller-Oerlinghausen und Gabriele Mariell Kiebgis – Berührung. Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt
Julio Lambing – Ars Armatoria (unveröffentlichtes Manuskript)
Robert Lehmann – Kontingenz und Sinnlichkeit (unveröffentlichtes Manuskript)
Hannah Arendt – Vita Activa
www.der-dritte-ort.org

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.