Sexuelle Kultur II: Vision

Sexualität ist Kommunikation. Was wollen wir einander mitteilen?

Der Begriff „sexuelle Kultur“ (wir könnten auch von „erotischer Kultur“ oder „Sinnlichkeitskultur“ sprechen; der DGAM und Volkmar Sigusch sprechen von „Sexualkultur“) wurde meines Wissens zunächst im Umfeld des Tantra-Massageverbands und der Tantra-Massage-Praxis „Ananda“ in Köln verwendet. Auch in sogenannten sexuellen Subkulturen wie Polyamorie, BDSM, bei sinnlichen Workshops und Events taucht er mittlerweile auf.

Ich möchte helfen, zu seiner Verbreitung beizutragen, und zwar aus folgenden Gründen:

Wir leben in einer Zeit, in der Sexualität hoher Wert beigemessen wird, unter anderem deshalb, weil sie eng mit dem eigenen Selbstwert verknüpft ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie automatisch als positiv und um ihrer selbst willen wertvoll erachtet wird. Es ist schwierig, eine wohlwollende Haltung ihr gegenüber einzunehmen, wenn der öffentliche Diskurs mehrheitlich problemzentriert ist: Umgang mit sexuellen Minderheiten, Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaften, mit „Pornofizierung“, sexueller Ausbeutung, Belästigung, Übergriffen und Vergewaltigungen. Fraglos ist es wichtig, diese Probleme zu benennen und zu bekämpfen. Genauso wichtig ist es aber, als Individuen und Gesellschaft eine Haltung gegenüber Sexualität zu entwickeln, die sich nicht darauf beschränkt, auf die möglichen Gefahren zu verweisen.

Unsere Körper und Herzen sehnen sich nach Sexualität. Sie verspricht Genuss, Freiheit, Selbstausdruck und Selbstwert. Gleichermaßen gilt sie als potenziell erniedrigend, entwürdigend und traumatisierend, insbesondere für Frauen. Wie könnten die Menschen im Umgang mit diesem Widerspruch unterstützt werden?

Was wir brauchen, ist eine Vision. Und eine Avantgarde, die sich traut, dieser Vision Ausdruck zu verleihen in Worten und Taten, Texten und Bildern, in Blicken und Berührungen.

Die Weltgesundheitsorganisationnimmt folgende Haltung ein:

“Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden. Es bleibt noch viel zu tun um sicherzustellen, dass Gesundheitspolitik und -praxis dies anerkennen und widerspiegeln.”

Das ist ein guter Anfang. Die Frage ist: Wie können wir dies erreichen?

Um das Problem der widerspruchsfreien Definition zu umgehen (sowohl Sexualität als auch Kultur sind schwer zu fassende Begriffe), verwende ich den Begriff „Kultur“ in einer umgangssprachlichen Form, so wie sie in dem Wort „Esskultur“ vorkommt. Also die Gewohnheiten, Künste, Fertigkeiten, Werte, Rituale, Kreationen, Werkzeuge, Zeiten und Orte, Forschungen und Erkenntnisse, die von Menschen hervorgebracht wurden und mehrheitlich nicht dem bloßen Überleben dienen. Im Falle der Esskultur handelt es sich um Bücher, Kurse, Internetforen, Treffen, Restaurants, Geschäfte und Märkte, die Auswahl der Ingredienzien, gemeinsame Rituale usw.

Was kann das, auf die Sexualität übertragen, bedeuten? Zum Beispiel die aufwändige und hochwertige Gestaltung eines anregenden Raums mit aufeinander abgestimmten Farben, Texturen, Düften und Klängen. Das Schaffen eines großzügigen Zeitfensters (womöglich regelmäßig oder sogar häufig?!) nur zum Zwecke des sinnlichen Vergnügens. Die sorgfältige Auswahl der Partner*innen. Ergebnisoffenes Experimentieren und Lernen. Wissen, Kenntnisse und Übung. Wohlwollen und Erlaubnis gegenüber eigenen und fremden Wünschen. Miteinander sprechen. Sinnliche Kunst.

Mehr als in der Esskultur können im Zusammenhang mit Sexualität persönliche und intime Gefühle förderlich oder hinderlich sein. Das Hinterfragen von gesellschaftlichen Normen und der eigenen Erziehung ist oft hilfreich, um mit Ängsten, Rollenbildern, Scham und Schuld umzugehen und den eigenen Körper und seine Empfindungen akzeptieren, sogar bejahen zu lernen. Auch das Einüben von Würde und Achtung, Behutsamkeit sowie Spaß an der Freude ist lohnenswert.

Eine freundliche und positive sexuelle Kultur beinhaltet für mich auf jeden Fall professionelle sinnliche Dienstleistungen, angeboten von speziell ausgebildeten Menschen jeden Geschlechts, die verschiedene Facetten von Sexualität abdecken. Klassische Dates, aber auch: Therapie und Beratung. Bildung und Erziehung. Workshops und Supervision. Orgien, Rituale und Feste. Massagen und Körperarbeit. Federn und Felle, Seile und Gerten, Plüschtiere und Schwimmflossen. Seit einigen Jahrzehnten entwickeln sich solche neuen, professionellen und qualitäts-geprüften Formen von Sexarbeit, z.B. Sexualbegleitung, Sexological Bodywork, Gesundheitspraktiker*in für Sexualkultur, sowie diverse fundierte Ausbildungen in BDSM Techniken und spiritueller Sexualität.

Ich wünsche mir, dass wir uns nicht nur mit dem beschäftigen, was wir fürchten, sondern auch mit dem, was wir uns stattdessen wünschen. Leider bewegt sich unsere derzeitige Politik in Deutschland und Europa in die entgegengesetzte Richtung. Das 2017 in Kraft getretene „Prostituiertenschutzgesetz“ verfolgt das hehre Ziel, Menschenhandel und Zwangsprostitution einzudämmen, die damit verbundenen Auflagen wirken sich jedoch auf alle Formen von Sexarbeit zum Teil existenzbedrohend aus. Viele fordern sogar die sogenannte „Freierbestrafung“ nach dem Nordischen Modell https://www.emma.de/artikel/weltweiter-protest-deutschland-gegen-prostitution-336691. Nicht nur Menschen, die in Laufhäusern oder auf dem Straßenstrich drogenabhängige Rumäninnen zu Dumpingpreisen penetrieren wären dann kriminell, sondern auch: Die querschnittsgelähmte lesbische Frau um die 40, die mit einer Surrogatpartnerin ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. Der junge Mann, der mit zwei Tantra-Masseurinnen in einem individuellen Workshop die weibliche Intimmassage lernt, um mit seiner nächsten Freundin „alles viel besser zu machen“. Der einsame Langzeit-Single, der nur bei seiner Stamm-Sexarbeiterin Berührung und Intimität erlebt. Das betagte langjährige Ehepaar, das in einem Sexualcoaching übt, sich wieder sinnlich anzunähern. Die Menschen, die mit professioneller Unterstützung lernen, Orgasmen zu haben beziehungsweise ihre Ejakulation hinauszuzögern. Menschen, die kultivierte Sexualität wie gute Kunst genießen, und das nicht nur in heterosexuellen Zweierkonstellationen, sondern in allen möglichen Kombinationen, auf privaten oder öffentlichen Veranstaltungen: Sorgfältig gestaltete experimentelle sexpositive Räume, in denen sich Menschen verbinden, um neues zu erschaffen.

Ich finde, dass dies ein großer Verlust für unsere Gesellschaft und Kultur wäre und werde mich dafür einsetzen, dass es nicht dazu kommt.

Man könnte nun berechtigterweise einwenden: Hat unsere Gesellschaft keine drängenderen Probleme? Sicherlich haben sich die Menschen die meiste Zeit in ihrer langen Geschichte eher weniger Gedanken um ihre Triebe, Träume und Sehnsüchte gemacht, weil sie so sehr mit Überleben beschäftigt waren. Wahrscheinlich wird es bald wieder so sein.

Aber erstens geben die mediale Präsenz von Sexualität und die Nachfrage nach den oben genannten professionellen Dienste Aufschluss darüber, wie verbreitet und dringlich die Bedürfnisse, Fragen und Sorgen im Zusammenhang mit diesem Thema sind. Zweitens nehmen ignorierte Bedürfnisse oftmals hässliche Formen an, wenn sie dann doch zutage treten. Drittens: Sex wird die Welt nicht retten, könnte aber hilfreich sein. In der sinnlichen Interaktion lassen sich Haltungen, Fähigkeiten und Tugenden kultivieren, die sich womöglich auf den Umgang mit unseren Mitmenschen und vielleicht auch mit unserem Planeten übertragen könnten.

Wer weiß?

Diese Gedanken habe ich nicht allein entwickelt. Sie sind in vielen Gesprächen, Lektüren und diversen Formen der Interaktion zustande gekommen, die ohne den Einsatz einiger unermüdlicher Avantgardisten nicht möglich gewesen wären. Ich danke Martina Weiser und dem Ananda-Team; Michaela Riedl und dem Anandawave-Team; dem Tantramassageverband; Julio Lambing und Steffi Imann, den Betreibern der Werkstatt Dritter Ort; den Teilnehmer*innen des Denkworkshops „Sexuelle Kultur“ an selbigem Ort; der Gemeinschaft Ewaldshof und dem gesamten Freundeskreis rund um diese Netzwerkknoten, insbesondere Corinna, Madlen und Johannes für die erste kritische Lektüre und hilfreiche Rückmeldungen.

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