Jenseits der romantischen Verpaarung (Teil 1 von 2)

Über das Dogma der paarweisen Bindung.

Deviancy, however, is the very essence of culture. Whoever merely follows the script, merely repeating the past, is culturally impoverished.“ James P. Carse

Nachdem mein Experiment „romantische Beziehung“ beendet ist, hat sich mein Leben grundlegend gewandelt. Man würde mich nun wohl als „Single“, beziehungsweise „solo-polyamor“ bezeichnen. Ich habe jedoch kein Bedürfnis, mich in irgendeine Schublade einzuordnen oder mich mit meinem Liebesleben zu identifizieren. Ganz im Gegenteil, würde ich es fast schon als Beleidigung empfinden, für „single“ oder „solo“ erklärt zu werden, weil das meine Identität auf romantische Bindung, beziehungsweise deren Nichtvorhandensein reduziert. Ich lebe, ich liebe, ich habe Sex. Konventionelle Konzepte wie „Beziehung“, „Liebe“, „Freundschaft“, „Familie“ machen in meinem Leben keinen Sinn mehr, müssten neu definitiert oder neue Konzepte erfunden werden. War meine Ehe nach gängigen Vorstellungen schon unkonventionell, fällt mein Leben jetzt erst recht aus dem herkömmlichen Rahmen.

Die „romantische Liebesbeziehung“ ist normativ

Professor Elizabeth Brake definiert „Amatonormativität“ folgendermaßen: “die Annahme, eine zentrale, exklusive, amoröse Beziehung sei das universelle Ziel aller Menschen, und eine solche Beziehung ist normativ in dem Sinne, dass sie gegenüber anderen Beziehungen bevorzugt angestrebt werden sollte.” Diese Norm wird heutzutage vielfach hinterfragt. Kaum jemand macht sich mehr ernsthaft die Illusion einer lebenslangen Bindung. Vielfach wird die Exklusivität, insbesondere die sexuelle, aufgeweicht, zum Beispiel in der Polyamorie. Beziehungsanarchisten verweigern sich ausdrücklich dem heteronormativen Entwicklungsverlauf („Beziehungsfahrstuhl“), der den Ablauf von Beziehungen vorgibt: verlieben – zusammen wohnen – heiraten – Kinder haben – die meisten anderen Beziehungen aufgeben und Unterstützung und Fürsorge nur noch aus der eigenen Familie beziehen.

Doch was ist mit Menschen, die nicht mit einem oder mehreren Menschen romantisch verschmelzen und ihr Leben verflechten wollen? Was ist mit Menschen, die rein sexuelle Beziehungen bevorzugen? Oder denen, die mehr Wert auf Familie und Freundschaft legen als auf romantische Verbindungen? Die das gemeinsame Wohnen und Kinderaufziehen lieber mit Freunden oder Familie oder auch gar nicht verwirklichen wollen? Sie sind mehr oder weniger unsichtbar und haben es offenbar schwer, ein zufriedenstellendes Leben zu gestalten.

Alleinstehende“ Menschen werden oftmals stigmatisiert, diskriminiert und sogar verteufelt. Nicht nur gelten sie als narzisstisch, unreif und egoistisch, es wird auch gern behauptet, sie seien verantwortlich für soziale Probleme wie „Vereinsamung“, oder für einen angeblichen Niedergang der „familiären Werte“, weil die steigende Zahl der Singles als Gefahr für das Wohl und das moralische Gefüge der Gesellschaft gesehen wird. Die romantische Paarbeziehung wird von vielen als das Fundament einer „anständigen“ und „guten“ Gesellschaft gesehen und untrennbar verknüpft mit dem Wohl der Nation und sogar der Welt. „By prioritizing coupled relationships above all others we are left with a narrow and limited understanding of intimate life, of belonging, of care, of home.“ Stellt Eleanor Wilkinson fest.

Obwohl die Zahl der Menschen steigt, die nicht heiraten oder nicht einmal in romantischen Paarungen leben wollen, scheint kaum jemand die Idee zu hinterfragen, dass Menschen sich eigentlich in romantischen Beziehungen binden wollen beziehungsweise binden sollten. Viele Menschen, die nicht in monogamen Verbindungen leben wollen, erweitern lediglich das romantische Konzept des Paars, um mehr Menschen integrieren zu können.
Wieso ist das so?

Ersatzbefriedigung

Hartmut Rosa beschreibt eindrücklich, dass unsere romantische Partnerschaft beziehungsweise Ehe als deren institutionalisierte Form oftmals unser einziger „Resonanzhafen“ in einer trostlosen und feindlichen, von Konkurrenzdenken und Sinnlosigkeit geprägten Welt ist. Sie bietet einen „Anker für Empathie, Hingabe, Zuwendung, Sinn, Bedeutung“. Wenige Menschen empfinden Erfüllung und positive Selbstwirksamkeit in ihrem Beruf oder Verbindung mit etwas Höherem in ihrem Glauben. Kein Wunder, dass wir von der romantischen Beziehung wie besessen sind, als sei sie unsere neue Religion. In den Medien geht es um kaum etwas anderes und die meisten Menschen scheinen in ihrer Freizeit hauptsächlich damit beschäftigt zu sein, eine solche entweder zu finden oder zu erhalten.

Wir haben flexibel und mobil zu sein, sodass es schwer ist, sich in einer Form von Gemeinschaft – sei es Freundeskreis, Vereine oder Wohngemeinschaften – zu verwurzeln. Es ist jedoch legitim, sein Leben nach der romantischen Partnerschaft auszurichten. Und so wird der Mensch, für den wir einst in Leidenschaft entbrannten, zu unserer Haupt- wenn nicht einzigen Bezugsperson und soll alle zwischenmenschlichen Bedürfnisse zugleich erfüllen.

“Für den emotionalen Haushalt einer hyper-individualistischen und konkurrenzbasierten Kultur scheint es schlicht kein funktionales Äquivalent zur familialen Resonanzsphäre zu geben, und diese Alternativlosigkeit spiegelt sich auch regelmäßig in allen Umfragen wider, welche (junge) Menschen nach ihrem ersehnten, erträumten oder schlicht präferierten Lebensmodell befragen. Die bürgerliche Kernfamilie ist und bleibt das konkurrenzlose Ideal junger Menschen, dem gegenüber alternative Visionen von Kommunitäten oder Polyamorien etc. keine Chance haben. Und mehr noch: Liebe, Partnerschaft und Kinder stellen die paradigmatischen Kristallisationspunkte sowohl für die Verheißung zukünftigen Glücks (bei Jugendlichen) als auch für die Einschätzung je aktueller Glücksquellen (bei Erwachsenen) sowie schließlich für die Beurteilung dessen, was im Leben wichtig war (bei Hochbetagten) dar.” (aus “Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung” von Hartmut Rosa)

Teil 2

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